Immer, wenn ich mal krank war als Kind – und das passierte; glücklicherweise recht oft, geschah ein doppeltes Wunder. Hatte mich noch eben eine brünette junge Dame versorgt, so umhegte mich, sobald ich aus dem ersten Fieberschlaf wieder erwachte, garantiert eine schwarze oder gar blonde. Nicht jeder von Vaters Freundinnen lag es eben, sich um einen mittelohrentzündeten Knaben zu kümmern, und da Vater da immer sehr gewissenhaft war, konnte schon die mindeste Unachtsamkeit dazu beitragen, daß die fürs Krankenbett Erwählte dann halt doch nicht die Richtige war. In hohem Maße entscheidend war aber auch, inwieweit es der entsprechenden jungen Dame gelang, mir das von Vater bereitgestellte Trostbuch zu dedizieren. Denn keine Krankheit ohne ein solches. Und da man fröhlich sein sollte, war es natürlich nichts Ernstes. Sondern Vater hatte einen Posten von Münchner Bilderbogen-Bänden aufgekauft. Ich bin da pro Krankheit (bei Scharlach zum Beispiel) auf drei bis vier Bände gekommen. Da war es, bei meiner miserablen Gesundheit, kein Wunder, daß ich bald an die fünfzig Münchner Bilderbogen-Bände besaß. Das ging natürlich stark übers Geld. Und da auch Freundinnen was kosten, sah sich Vater sehr schnell genötigt, von Gekauftem auf Geliehenes umzusteigen. Das heißt, er brachte dem kränkelnden Knaben nun aus der Stadtbibliothek, wo er arbeitete, alle paar Tage einen Band Fliegende Blätter mit. Den die wachhabende Freundin ebenfalls wieder mit der entsprechenden Grundsatzzeremonie zu überreichen hatte.

Sowohl in den Münchner Bilderbogen wie in den Fliegenden Blättern bin ich, angenehm fieberumnebelt, immer wieder auf dieselben, auch zeichnenden Schreiber oder besser: auch schreibenden Zeichner gestoßen: Neben Wilhelm Busch und Adolf Oberländer hat es mir da besonders ein gewisser Lothar Meggendorfer angetan. Mag sein, daß hinzukam, Vater erzählte beziehungsweise eine Freundin berichtete, Vater habe erzählt, dieser Meggendorfer sei auch deshalb schon toll, weil er bis zu seinem Tode nicht nur gezeichnet und Bilderbücher gemacht, sondern auch noch ein Gut mit fast achtzig Kühen, zahllosen Pferden, Schweinen, Hühnern, Pfauen und Affen bewirtschaftet habe. Was sich auch darin manifestierte, daß er immer nur Menschen, aber niemals Tiere karikierte. Menschen dann meist allerdings so, daß seine Typensammlung exakt der Gesellschaftsstruktur zwischen der Jahrhundertwende und seinem Todesjahr, 1925, entsprach. Da er, ähnlich wie Busch, ein großer Situationskomiker war, ist man bei ihm eigentlich auch als Acht- bis Zehnjähriger schon auf seine Kosten gekommen. Meine Kenntnis der damaligen Gesellschaft basiert zu großen Teilen auf der leicht verzerrten, aber eben deshalb auch stark verdeutlichenden Art, wie Meggendorfer diese Kommerzienräte, Stutzer, Mittelstandsdamen, Handwerkermeister, Herrenreiter, Schusterjungen, Soldaten und Studenten in seinen Bildgeschichten dargestellt hat.

Eines Tages, genauer im August 1929, lag dann auch das erste Bilderbuch Meggendorfers auf dem Geburtstagstisch. Es war ein ungeheures Buch. Denn Meggendorfer hat sich nie mit den herkömmlichen Bilderbüchern begnügt. Meines zum Beispiel, das den enervierenden Titel Der fidele Onkel trug, war so beschaffen, daß die Figuren in ihm zweimal quer durchschnitten waren. Was machte, daß sich beim Blättern die interessantesten Neukombinationen ergaben. Von diesem Bilderbuch an war mein Interesse an Meggendorfer nicht mehr zu stoppen. Kein Weihnachtsfest, keine Mandelvereiterung, daß nun nicht ein neues Bilderbuch von ihm seinen Siegeszug durch die kindliche Vorstellungswelt angetreten hätte. Von der Lustigen Tante will ich jetzt gar nicht erst reden. Noch viel aufregender waren die etwa dreißig sogenannten Ziehbilderbücher, die Meggendorfer, ja man muß schon sagen: hergestellt hat. Denn an den gezeichneten Figuren in diesen Bilderbüchern waren die Gliedmaßen mit Metallnieten und Drahtspiralen befestigt, so daß sich die Bilder nun wie im Marionettentheater bewegen ließen, wenn man den auf ihrer Rückseite angebrachten Ziehstreifen bewegte. Da zerrt der Angler mit einem Riesenruck einen Riesenfisch aus dem Wasser. Da rennt der Sonntagsjäger vorm heranstürmenden Wildschwein davon. Da zieht sich die Katze des Schneiders vorm wieder und wieder sich nähernden Bügeleisen zurück.

Und dann eines besonders glückhaften Tages das Supergeschenk: "Lothar Meggendorfers Internationaler Circus." Das war für damalige Zeiten (1930) wirklich das Tollste vom Tollen. Es hat sich um ein sogenanntes Aufstellbilderbuch gehandelt. Meggendorfer hat diese aus der Leporello-Form entwickelte Bilderbuchart nicht erfunden, wohl aber, fast möchte ich sagen: gekrönt. Und zwar vor allem mit jenem Internationalen Circus, den sein damaliger Original-Verlag J. F. Schreiber, Esslingen, soeben in einem hinreißenden Faksimiledruck neu herausgebracht hat. Man wird wieder zehn, wenn man diese sechs dreidimensionalen Hochkantformate auszieht und aufstellt. Und wie damals ist man auch heute wieder versucht, noch zusätzliche Figuren zu zeichnen und auszuschneiden und dazuzustellen, um den Zirkus vollends zu komplettieren. Obwohl das natürlich anmaßend ist. Denn nicht nur, daß Meggendorfer hier nicht weniger als etwa 360 individuell unterschiedliche Zuschauer dargestellt hat, zugleich gibt es da auch noch eine vierundzwanzigköpfige Zirkuskapelle, fünf laufende Pferdenummern, zwei Balanceakte, einen Eselsritt und drei Clowns in Aktion. Und außerdem lassen sich an den Zuschauergruppen und Einzelfiguren auch sämtliche damals vorhandenen Gesellschaftsklassen ablesen. Aber nicht nur das; obendrein sind die Figuren auf derart freundliche Weise ironisiert, daß der Heidenspaß für Kinder hier eigentlich schon – beziehungsweise immer noch – programmiert ist.

Ich warte nun auf meine nächste Grippe, um Meggendorfers Internationalem Circus die volle Reverenz erweisen zu können. Zwar fehlen die Freundinnen aus Kindertagen, und Vater ist auch nicht mehr da; aber das richtige Fieber, um wieder kindlich schauen und reagieren zu können, das wird man ja wohl noch kriegen. Dann hoffe ich, in Meggendorfers Circus vollends aufgehen zu können. Wolfdietrich Schnurre

Lothar Meggendorfer: "Internationaler Circus"; Verlag J. F. Schreiber, Esslingen; 6 Aufstellbilder, 30,– DM