Sie beginnt an einem strahlenden Samstag mit einem "Bad in der Menge" – die Nachkriegsgeschichte Frankreichs. Sie beginnt genauer am 26. August 1944, als Brigadegeneral Charles de Gaulle von zwei Millionen Franzosen als Befreier bejubelt die Champs-Elysées hinabzieht.

De Gaulles Ruhmestat war die Résistance nicht nur gegen die deutschen Besatzer, sondern auch gegen die III. Republik, die mit Marschall Pétain untergegangen war: Jetzt würde Frankreich einen neuen Weg wählen, Interessenkoalitionen und Privilegien abschaffen, die Ausbeutung natürlicher Reichtümer zum Nutzen weniger nicht mehr erlauben. Der Neuaufbau des Staates sollte von Einsichten gelenkt werden, die die Fehler der letzten Jahre vergessen ließen – Einsichten, die wir zu jener Zeit auch in Deutschland, etwa im Ahlener Programm der CDU finden.

Wie die Euphorie dieses strahlenden Samstags bald dramatischen Entwicklungen wich, fast ein Bürgerkrieg, fast eine Revolution die folgenden Jahrzehnte prägten, schildert

Ernst Weisenfeld: "Frankreichs Geschichte seit dem Krieg. Ereignisse, Gestalten, Hintergründe 1944 – 1980"; C. H. Beck’sche Schwarze Reihe, Band 218, München 1980; 307 Seiten, DM 22,–

mit einer Präzision, aber auch mit einer Farbigkeit, die nur dem gelingt, der diese Zeit miterlebt hat. Seit 1951 berichtet Ernst Weisenfeld als politischer Korrespondent – lange Jahre als Leiter des Frankreichstudios der ARD, auch der ZEIT – über politische und gesellschaftliche Vorgänge aus Paris.

Die vierzehn Kapitel seines Buches decken die Geschichte Frankreichs völlig ab, kein wesentliches Ereignis fehlt. Ausgehend vom Reformwillen der Résistance verfolgt er die Schwierigkeiten und Schwächen der IV. Republik (durchschnittliche Dauer einer Regierung: acht Monate), die Geburtswehen Europas und das Absterben eines Kolonialreiches, de Gaulles Lösung des Algerien-Problems und die Rettung vor dem Bürgerkrieg, sein Regnum in der auf ihn zugeschneiderten V. Republik, den Mai 1968 als Fast-Revolution und seine Folgen, die kurze Zeit des Georges Pompidou, den mißlungenen Kraftakt der Vereinten Linken und schließlich: Giscard und auch dessen Verhältnis zu Helmut Schmidt.

Daneben fehlen nicht die Rolle der Intellektuellen, besonders am Anfang der IV. Republik, als Jean-Paul Sartre und seine Freunde den Neutralismus predigten; beschrieben werden der soziale Wandel Frankreichs vom Bauernvolk zum Industriestaat und die Rolle der Gewerkschaften, deren Macht und Mitgliederzahl seit zwei Jahren auf Grund der sich verschlechternden Arbeitsmarktlage rapide schwinden.