Von Ulrich Greiner

Der Hollywood-Film, das gehört zu seinen Eigenheiten, lügt so schön, daß man die Wahrheit gar nicht mehr wissen will. Lewis John Carlinos Film "The Great Santini", der jetzt auf dem vierten "Festival des Films du Monde" in Montreal gezeigt wurde, ist dafür ein glänzendes Beispiel, und ein besonders bezeichnendes insofern, als er die Lüge in die Form biedermännisch-ehrenhafter Wahrheitssuche kleidet. Das Resultat dieser Strategie ist widersinnig, aber wirkungsvoll: affirmative Kritik.

Der Held des Films, bravourös gespielt von dem aus "Apocalypse Now" bekannten Robert Duvall, ist ein Jagdflieger-Pilot des amerikanischen Marine-Korps, der infolge eines plötzlichen Mangels an attraktiven Kriegsschauplätzen (der Film spielt 1962) nach Hause versetzt wird, wo er nicht nur den soldatischen Nachwuchs mit seinem dröhnenden Patriotismus befremdet, sondern auch die Rolle des Familienvaters mit der eines Kommandanten verwechselt. Während anfangs jedoch die Ehefrau (Blythe Danner) und die vier Kinder, froh über den unversehrt heimgekommenen Papa, das muntere, wenngleich anstrengende Spiel mitspielen, macht sich nach und nach Insubordination breit, und das Kommandounternehmen Familie steuert in die Krise.

Die listig-liebevolle Verweigerungstaktik der ältesten Tochter, die gerade ihre ersten Tanzstunden absolviert und den Vater auf weiblichem Kriegsschauplatz das Fürchten lehrt, steht dem achtzehnjährigen Sohn (Michael O’Keefe) natürlicher- und tragischerweise nicht zur Verfügung. Er, ein College-Basketball-Star, gerät in einen drastischen Ödipus-Konflikt, in dessen Verlauf er für die Mutter Partei nimmt. Nach einer häuslichen Prügelei zwischen Vater und Sohn verläßt der mehr und mehr irritierte Colonel, begleitet vom jammervollen Geheule der Kinder und der Mutter, das familiäre Schlachtfeld, um ein vertrautes aufzusuchen. In seinem Jagdflieger zwischen. Himmel und Erde fühlt er sich zuhause, und dort, nach grandios gefilmten Sturzflug-Kapriolen, findet er den ihm gemäßen Tod.

Die Raffinesse des Films besteht darin, daß er seinen Helden so unnachahmlich verständnisvoll rügt. Santini, so der Spitzname unter Kameraden, ist ein derart liebenswert irrender Mensch, daß wir ihm unmöglich böse sein können. Und nicht nur ihm nicht, sondern auch jener Mischung aus Patriarchat und Militarismus, die er verkörpert. Denn die Metapher des Films ist durchaus eindrucksvoll: der Mann als Krieger, der mit seinen Waffen siegt und mit seinen Gefühlen scheitert. Nur: Santinis Scheitern ist ein sozusagen tragisches Schicksal, das die prinzipielle Richtigkeit patriarchalischer Herrschaft, hier in ihrer militaristischen Zuspitzung, gerade bestätigt.

Bezeichnend ist jene Szene, in der, während des häuslichen Basketball-Trainings, der Sohn den Vater zum erstenmal besiegt und dieser die Niederlage nicht verkraftet. Zwar wirkt hier der Leistungswahn des Alten lächerlich und die spielerische Perspektive des Jungen angenehm, gleichwohl gilt das naturwüchsige Prinzip des Kampfes von Mann zu Mann, die Initiationsriten werden bestätigt. Am Ende, nachdem die Kameraden mit ihren Jagdfliegern zum Abschied über das Grab Santinis hinweggedonnert sind, sagt die Mutter: "Keine Tränen, Kinder!", und der Sohn übernimmt, nach solchen Durchhalteparolen, die verwaiste Stelle des Familienoberhaupts.

Das ist mit überdurchschnittlicher Perfektion gemacht, es gibt keine langweilige Minute, aber man fühlt sich danach, als hätte man zuviel Sahnetorte gegessen. – Im Nachspann bedankt sich Carlino bei der amerikanischen Luftwaffe für ihre Mithilfe. In der Tat sollte sich die Air Force bei Carlino bedanken.