Messen in Leipzig sind immer auch politische Ereignisse. Die Partei- und Staatsführung der DDR nimmt beim traditionellen Eröffnungsrundgang die Gelegenheit wahr, ihre Ansichten zu internationalen Fragen zu erläutern. So auch diesmal wieder: SED-Chef Honecker erschien zusammen mit Ministerpräsident Stoph und Volkskammerpräsident Sindermann auf dem Messestand der Hoechst AG und erklärte den Willen der DDR-Führung, die Beziehungen zur Bundesrepublik weiter zu normalisieren und "neue Horizonte für die Zusammenarbeit zwischen beiden deutschen Staaten zu erschließen".

Neue Horizonte – das heißt zwar nicht, daß die DDR ihre Bürger großzügiger in den Westen reisen lassen will. So etwas hat Honecker in einem Interview gerade abgelehnt. Aber jeder Schritt zur Normalisierung, zu engeren Beziehungen schafft auch mehr Kontakte zwischen Ost und West. Und solche Kontakte sind innenpolitisch für die DDR nicht unbedenklich. Die millionenfachen Besuche von West-Berlinern und Westdeutschen und die wachsende wirtschaftliche Kooperation haben die Stimmung in der DDR spürbar beeinflußt und der SED manches ideologische Problem geschaffen. Wenn Honecker nun nach der ausgefallenen Schmidt-Visite so nachdrücklich eine Intensivierung der deutschdeutschen Zusammenarbeit Befürwortet, dann bedeutet dies nicht nur, daß er sie wirtschaftlich nötig hat. Er muß sie sich auch innenpolitisch leisten können.

Es scheint, als habe sich die Situation in der DDR nach endlosen kulturpolitischen Querelen und den Aufregungen über die Preiserhöhungen wieder einigermaßen beruhigt. Wenn man gesehen hat, wie Honecker nur von Kopfnickern umgeben ist, dann weiß man auch, daß seine Führungsposition in der DDR unangefochten ist. Selten hat der Parteichef so selbstsicher gewirkt wie jetzt. J. N.