Von Peter Hamm

Ein Vierzehnjähriger, der in einer Familie mit fünf älteren Schwestern als "glücklichstes Kind, das man sich denken kann", in Paris aufgewachsen ist, von der Mutter und den Schwestern mit Zärtlichkeiten überhäuft ("ein Junge mit gewissermaßen sechs Müttern"), erfährt als ersten großen Schmerz seines Lebens gleich einen herzzerreißenden: den plötzlichen Tod der Mutter. Einem Dieb gleich schleicht er sich in das Zimmer, in dem die Tote aufgebahrt liegt, und sieht dort staunend, wie schön die Mutter im Tode wieder geworden ist und wie lebendig sie wirkt.

Julien Green, der im ersten Band seiner Jugenderinnerungen (die unter den Titeln "Aufbruch vor Tag", "Tausend offene Wege" und "Fernes Land" erschienen sind) diese seine eigene frühe Schmerzerfahrung geschildert und dabei bekannt hat, er suche in der Erinnerung noch als Sechzigjähriger immer wieder dieses Zimmer der toten Mutter auf, um mit ihr Zwiesprache zu halten, hatte dreißig Jahre früher, in der Erzählung "Der andere Schlaf" (1930), schon einmal einen Halbwüchsigen mit dem Tod seiner Mutter konfrontiert und merkwürdigerweise ebenfalls in einem Haus der Pariser Rue de Passy, in der Green selbst die Mutter verlor; nur daß der jugendliche Held Denis seine Mutter in ihrer "Katzenfreundlichkeit" immer schon verachtet hat und ihren Tod ohne Mitleid hinnimmt: Am Totenbett ärgert er sich zwar zunächst, daß es ihm nicht gelingt, "die gebotenen Gefühle aufzubringen", zerreißt dann aber vorsorglich die Familienbilder, die ihn später an seine Mutter erinnern könnten, und greift schließlich, um die Totenwache etwas kurzweiliger zu gestalten, nach einem Buch, ausgerechnet nach "Manon Lescaut". Während der Totenfeier in der Kirche ist er in Gedanken nur bei seinem ebenso hochmütigen wie verschlagenen älteren Vetter Claude, den er, indem er zweimal seinen Hut fallen läßt, auf sich aufmerksam zu machen sucht; gerade mit Claudes Augen gesehen, erscheint ihm die Mutter besonders unerträglich.

Es gibt in den Romanen Julien Greens nicht wenige solcher Szenen, die in seinen Jugenderinnerungen wiederkehren, nur daß das, was in diesen mit leuchtenden, warmen Farben beschrieben wird, in den Romanen ins Düstere, Dämonische, ja Monströse verkehrt scheint. Was für anziehend liebenswerte Geschöpfe sind etwa Greens Schwestern in seinen Erinnerungen!

Doch woher kommen dann die vielen furchtbar herrschsüchtigen Frauen in seinen Romanen, von denen schon der erste, "Mont Cinère", den der Dreiundzwanzigjährige schrieb, von drei sich in einem einsamen amerikanischen Haus zerfleischenden Furien beherrscht wird, und in denen – vom Roman "Der Geisterseher" (1934) über "Mitternacht" (1936) bis zum vorläufig letzten "Louise" (1977) – immer wieder ein Kind von weiblichen Verwandten unter dem Vorwand gütiger Fürsorge vernichtet wird? Und woher kommen die trostlosen tyrannischen Familienväter, von denen der schrecklichste, Antoine Mesurat, im Roman "Adrienne Mesurat" (1926) von seiner eigenen Tochter Adrienne getötet wird? Julien Green hat nicht widersprochen, als ihm jemand – in Abwandlung des Flaubert-Worts "Madame Bovary, das bin ich!" – sagte: "Adrienne Mesurat, das sind Sie!"

Wo findet sich die Wahrheit über Greens Jugend? Steht sie in den Romanen oder Erinnerungen (in denen Greens Vater zum erstenmal auftaucht, als das Kind schon sechs Jahre alt ist)?

– "Alles, was ich-schreibe, leitet sich von meiner Kindheit her", bekannte Green einmal in seinem "Tagebuch". Doch gerade – dieses "Tagebuch" verklärt, wann immer von ihr die Rede ist, Greens Kindheit, schildert seine Eltern als außergewöhnlich glücklich und gütig.