Bei der Erforschung des Gedächtnisses von Mensch und Tier tappen Neurologen und Physiologen in wesentlichen Fragen noch immer im dunkeln. Die Situation ist fast so schlimm wie bei den alten Griechen, die den Verstand im Zwerchfell vermuteten. Bei den Hirnforschern besteht weder Einigkeit über den Ort des Gedächtnisses noch über die Frage, woraus es besteht und wie es funktioniert.

Nun kamen die Wissenschaftler einen kleinen Schritt weiter: Gedächtnisleistungen stehen mit Stoffwechselprozessen in engem Zusammenhang, wie unlängst Margret Stascheit nachweisen konnte. Allerdings wählte die Verhaltensforscherin vom Zoologischen Institut der Universität Münster einen Forschungsgegenstand, der bescheidener ist als der des menschlichen Hirns: Sie ging der Frage nach, ob Fische bei verschiedenen Stoffwechselarten unterschiedlich schnell zuvor Gelerntes vergessen.

Stoffwechselprozesse verändern sich stark mit der Körpertemperatur eines Tieres. Die Körpertemperatur und ihre Regulierung sind innerhalb einzelner Tiergruppen höchst verschieden. So können etwa: Fische die Temperatur ihres Körpers entweder überhaupt nicht oder sehr unvollkommen regeln – sie stellt sich auf die umgebende Wassertemperatur ein.

Margret Stascheit dressierte nun einige Fischarten – Karauschen, Zebracichliden und Elritzen – darauf, zwei ins Aquarium gehängte Symbole zu unterscheiden. Als Symbole wählte die Verhaltensforscherin Kreuz und Dreieck. Die Orte von beiden wurden zufällig beibehalten oder vertauscht, aber nur eine Öffnung unter einem Bild – immer dem gleichen – bot Futter. Nach der Lernphase senkte die Münsteranerin die Aquariumtemperatur für jeweils einen Teil der Tiere um zehn Grad. Kalte und warme Fische wurden getestet, um zu vergleichen, was sie behalten hatten. Erstaunlicherweise wirkte die Temperaturänderung unterschiedlich auf das Gedächtnis der Schwimmer: Karauschen und Zebracichliden zeigten verbesserte Gedächtnisleistungen, die Elritzen dagegen vergaßen die gelernte Aufgabe sogar etwas schneller.

Warum reagierten die Tiere in so unterschiedlicher Weise auf die Temperatursenkung? Fische können die Veränderung der Wassertemperatur nicht einheitlich ausgleichen; den ersten beiden Arten gelingt dies gar nicht, wohl aber den Elritzen. Denn die zusätzliche Messung von Stoffwechselfunktionen, so stellte Stascheit fest, zeigte bei den, Fischen mit gutem Erinnerungsvermögen im kalten Wasser ein Absinken der Umsatzraten. Im Gegensatz dazu halten die Elritzen ihre Körperfunktionen auch bei niedrigen Temperaturen voll in Schwung und vergessen folglich im kalten wie im warmen Aquarium annähernd gleich schnell.

Wenn Margret Stascheits Untersuchung auch nur ein bescheidenes Mosaiksteinchen im Puzzle der Gedächtnisforschung darstellt, so gibt sie doch einen zirzensischen Hinweis. Für Dressurstücke gelten Elefanten als besonders gelehrige Tiere. Die Ursache ihrer Begabung könnte ihr Stoffwechselumsatz sein. Denn die Dickhäuter haben eine der niedrigsten Stoffwechselraten unter den Säugetieren. Horst Güntheroth