Bamberg: "Künstlerische Doppelbegabungen von E. T. A. Hoffmann bis Dietrich Fischer-Dieskau"

Michelangelo hat Gedichte geschrieben, die in einer Anthologie der italienischen Lyrik nicht fehlen dürfen, der Ruhm der Medici-Gräber oder der Sixtinischen Decke überstrahlt jedoch den der Sonette weit, und zwar mit Recht. Michelangelo, der Bildhauer und Maler, ist ein Solitär, der Dichter nur ein Stück der Fassung. Es gilt generell, daß Doppelbegabungen nur höchst selten gleiche Fähigkeiten auf zwei Gebieten besitzen (Blake war wohl so ein Fall und auch Barlach), normalerweise ist ihr anderes Talent eines linker Hand. E. T. A. Hoffmann, eine dreifache Begabung sogar, "ausgezeichnet" – so steht auf seinem Grabstein – "als Dichter, als Tonkünstler, als Maler" (die Rangfolge ist deutlich), hat das Komponieren sicher ebenso ernsthaft betrieben wie das Schreiben, seine Musik blieb dennoch weitgehend konventionell (und seine Malerei auch), seine Dichtungen waren originell, ihr Grotesk-Komisches findet sich in den Karikaturen wieder. Um Hoffmann, der aus lokalhistorischen Gründen den Vortritt erhält (er war einige Jahre Kapellmeister in Bamberg), sind weitere Doppelbegabungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert versammelt: Salomon Geßner, Goethe, Stifter und Franz von Pocci, der "Kasperlgraf" und Erfinder köstlicher Collagen, in denen menschliche Gesichter durch Stiefmütterchenblüten ersetzt waren. Dies alles sind Beispiele für den – zutreffend und keineswegs abschätzig so genannten – schöpferischen Dilettantismus, für das an langer Leine ausgeführte Mußetalent. Hesses Landschaftsaquarelle, die Karikaturen Hindemiths und die Zeichnungen Fellinis sind nebenher entstanden, jedoch nicht ohne Bezug auf die eigentliche Tätigkeit ihrer Hersteller – in den visuellen Kommentaren von Günter Grass und Christoph Meckel zu eigenen. Werken ist diese Verbindung handgreiflich gegeben. Dietrich Fischer-Dieskau, dessen Malerei hier erstmals ausführlich öffentlich präsentiert wird, reiht sich zwanglos fein. Er malt in dem Stil, der ihm gerade gefällt, das Ergebnis kann sich – den Prominentenbonus eingerechnet – sehen lassen. (Kunstverein in der Neuen Residenz bis zum 29. September, Katalog 5 Mark.)

Helmut Schneider

Hannover: "Franz Gertsch"

Beim hautnahen Zusammenprall mit dem Riesenformat "Medici", das den Schweizer Franz Gertsch auf der Documenta 1972 in Kassel mit einem Paukenschlag bekannt machte, sah der Besucher gleich den damals vieldiskutierten, oft geleugneten Unterschied zwischen Photo und photorealistischer Malerei. Im schwarzen Haar eines der lässig über eine Bauplanke hängenden fünf jungen Männer ließ Gertsch alle Farben des Regenbogens leuchten, mit feinem Pinsel minuziös aufgetragen. In der Vergrößerung kann er Wesentliches, sonst Unsichtbares sichtbar machen; er kann im porenfeinen Aufrastern von Gesichtshaut uns das Wesen, das in dieser Haut steckt, aufschlüsseln. Die menschliche Wärme und Nähe der Bilder entspringt schon der engen Beziehung zwischen Maler und Porträtierten, es sind alles enge Freunde, meist junge Menschen aus dem Künstlermilieu, die mit einem Hauch von Dekadenz jenseits bürgerlicher Ordnungswelt leben, man sieht sie im intimen häuslichen Bereich, im Bad, beim Schminken und Lesen, nach dem Essen, auch im Café, im Museum. Die Dias, Ausgangspunkt der Gemälde, haben immer Schnappschuß- und damit Überraschungscharakter, wirken jedoch niemals denunzierend. Häufigster Bildgegenstand ist Luciano Castelli, Maler und Performance-Künstler, der mit mildem, gleichgültig-geduldigem Lächeln, mit lässiger Passivität und erotischer Ambivalenz die Schnelligkeit, Kühle und Exaktheit des Mediums Photographie aufzuheben scheint. In den jüngsten Bildern – bis auf ein Selbstporträt zeigen alle die Sängerin Patti Smith – offenbart Gertsch eine wachsende Neigung zum vereinfachten, konstruktivistischen Bildaufbau; mit einigen großflächigen Farbfeldern erzielt er gar minimalistische Effekte oder scheint an Raimund Girkes Weißmalerei anzuknüpfen. Immer deutlicher wird, daß es Gertsch – jenseits aller Abbild- und Realitätstheorien – um Malerei geht, er liefert ganz einfach schöne Bilder. In Hannover, wo die aus Zürich kommende Schau in leicht veränderter Form gezeigt wird, sind sie über das ganze Haus verteilt und damit immer wieder Anlaß für überraschende Begegnungen. (Kunstmuseum Hannover mit Sammlung Sprengel bis 14. September, Katalog 28 Mark) Ernst Busche

Wichtige Ausstellungen

Aachen: "Die Zisterzienser – Ordensleben zwischen Ideal und Wirklichkeit" (Krönungssaal des Rathauses bis 28. September, Katalog 36 Mark)