ARD, Freitag, 29. August: "Lange Nacht – Wachmänner heute", Bericht von Karlheinz Knuth

Irgendein beliebiger Nachmittag, das Programm beginnt, Frau Berghoff verliest die Nachrichten, Filme werden verwechselt, aber die Sprecherin ist auf der Höhe: "Das war der falsche offenbar. Ich muß jetzt ganz schnell suchen, welcher Text zu diesem Bild hier paßt." Schon gemeistert, die Situation – gemeistert mit Hilfe von Geistesgegenwart und Charme, von Intelligenz und Selbstironie. Die Panne als Glücksfall. Eine Frau kann einmal zeigen, daß sie nachdenkt und nicht nur abliest.

Der Betrachter am Bildschirm nimmt es zur Kenntnis – auch er hat nachgedacht. Als Frau Berghoff die Nachricht verliest, die da besagt, daß SPD-Sprecher Ter Jung von der Schiedsstelle gerügt worden sei, weil er, auf den Kanzler-Kandidaten gemünzt, den Ausdruck "Brandstifter" benutzte, fällt ihm die letzte ZEIT, Seite 1, ein: Kohl nennt den Kanzler einen Brandstifter. Kuriose Schiedsstelle, die da, auf Antrag, dem einen ankreidet, was der andere ungestraft sagen darf.

Mittlerweile, immer noch ein beliebiger Nachmittag, ist es 16.20 Uhr geworden, Berlin schaltet sich ein, ein Film über die Arbeit der Wachmänner rollt ab. Und wieder Präzisionsarbeit, verläßliche Information, wieder handwerklich-exakte Unterweisung. 53 000 Männer, erfährt der Betrachter, ebenso viele wie in der gesamten bundesrepublikanischen Schuh-Branche tätig sind, gehen Nacht für Nacht mit ihren Hunden, Schlüsseln, Uhren und Gaspistolen auf Streife. Drei von ihnen wurden gezeigt, drei Ritter von der traurigen Gestalt, fünfzehn Stunden auf den Beinen (Gewerkschaft, was tust du?), sechsmal wöchentlich auf der Achse, gevespert wird bei laufendem Motor im Auto, sechsmal unterwegs in Lagerhallen, Maschinensilos und Gespensterpalästen, halb Museum und halb Film-Szenerie, sechsmal, und da das Geld nicht reicht, Mutters Blumenladen wirft nichts ab, muß auch ein siebtes Mal gearbeitet werden, Heiligabend sowohl wie Silvester und Ostern.

...Als Wachmann enden: Eine traurige Moritat von armen Hunden, die mit Stolz und Selbstbewußtsein von ihrem Beruf redeten, von der Angst, die man haben müsse, um ein guter Wächter zu sein (was ein anderer bestritt), vom sonntagslosen Dasein und von den freien Tagen, die die Frauen fürchteten, da danach das triste Einerlei nur noch fühlbarer sei als zuvor.

Während die drei der dreiundfünfzigtausend von ihrer Arbeit, ihren Träumen und ihrer Hoffnung erzählten ("Mit 75 will ich aufhören"), um sich schließlich, da kam die Wahrheit ins Blickfeld hinter der Ideologie, mit einem leisen kleinen "Man muß sich halt damit abfinden" zu verabschieden ... Während die Zeugen berichteten, wurde ihre Aussage von ruhigen und melancholischen Bildern begleitet. Lange Gänge, tote Maschinen, hallende Türen. Einsamkeit wurde in Szene gesetzt, Leere und Verlorenheit (minus zehn Grad, Ostwind, drei Uhr nachts), das Selbstgespräch ohne Hoffnung, formuliert mit zusammengebissenen Zähnen: Aber Kerls sind wir doch.

Saubere informative Arbeit, atmosphärisch stimmig und, übereinstimmend in Text und Bild, mit Bedacht unterweisend. Arbeit wie sie nur das öffentlich-rechtliche Fernsehen bieten kann. Karlheinz Knuths Beschreibung der einsamen Menschen und ihren Arbeitsbedingungen im Privat-TV: Daß ich nicht lache! Momos