Von W. Martin Lüdke

Diesmal kein Pferd, nur Hunde und Schwäne. Auch dieses Buch spielt, wie fast alle von Walser, rund um den Bodensee

Martin Walser: "Das Schwanenhaus", Roman; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1980; 233 S., 25,– Mark.

Eine reale, eine imaginäre Welt? Das Faulknersche Yokatapawpha-County im süddeutschen Dreiländereck, so wirklich wie das Macondo des García Márquez? Eine Welt, in der sich Mythos und Realität ununterscheidbar durchdringen, das eine im Licht des anderen gespiegelt, so daß aus der Welt des Scheins neues Licht auf die wirkliche fällt? Was für Otto F. Walter die Stadt Jammers, ist für Walser der Bodensee: realistischer Hintergrund, eine reale Landschaft, und noch etwas mehr? Etwa der Vetter aus dem Allgäu, der mit Quarzsteinen und Handauflegen jede Krankheit heilt und dazu noch eine ganze Genealogie in seinem Kopfe trägt: "Die Tanten- und Onkelnamen klingelten nur so aus seinem Mund. Es gab offenbar nichts in dieser Familie, was der Vetter Leonhard nicht schon bei Tante Rese und Onkel Alfons und anderen Völkles und Krezdorns zwischen Stuttgart und Zürich gesehen hatte." Eine Landschaft also, die durch ihre Mythen, ihr eigentümliches Weltbild, die Bewohner prägt und wieder selbst von ihnen geprägt wird: von den Kristleins und Horns und, jetzt wieder, den Zürns, die stets mäkelnd, nun auch noch mäkelnd, dort leben, in einer Welt, die nicht war und nicht ist und doch an den Widersprüchen der wirklichen Welt trägt.

Doch eine solche Landschaft darf nicht erwartet werden. Statt dessen: Provinz. Ein liebliches Eckstückchen bundesdeutscher Verhältnisse, mit freilich flächendeckendem Anspruch beliehen. "Bei allem Verständnis, das man neuerdings für das Provinzielle aufzubringen bereit sei", so läßt Jarl F. Kaltammer, "Säuglingsgreis" und Immobilienhändler selbstgerecht verlauten, "was hier tatsächlich laufe, sei Zugereisten zu verdanken", weshalb Giselher, bärtiger Soziologe und Emanzipationsgehilfe der Fabrikanten-Frau Reinhold mit dem Beweis droht, "daß es politisch-historische Umstände seien, die an der auftrumpfungssüchtigen Zurückgebliebenheit der Leute hier schuld seien". Dabei bleibt’s, denn schließlich will der Autor seine Leser nicht vor den Kopf stoßen, sondern sachte, wie ein versierter Kommunalpolitiker; zur Eingemeindung aufbereiten.

Das heißt: chronologisch, teils gemächlich geht die Erzählung voran. Einige Tage aus dem Leben des Dr. Gottfried Zürn. Dramaturgisch geschickt arrangiert, mit steter Steigerung der Spannung. Mit spannungssteigernden Episoden angereichert: darunter eine grandios beschriebene Versteigerung, zu der sich, das Finale fast vorwegnehmend, die halbe Mannschaft einfindet. Unvermeidlich die Party bei den Reinholds, die der Autor – wie kein anderer – zu nutzen versteht, um dem Wandel der Zeiten und seiner Geister brillante Dialoge abzuschreiben. Walser kann nach wie vor trefflich karikieren, ironisch pointieren, notfalls auch zynisch kommentieren. Groteske Situationen, umwerfende Einfälle und zugleich eine auffallende Disziplin in der Verwendung dieser Mittel. Walser ist sparsamer, vielleicht berechnender geworden.

Er baut emsig an seiner kleinen, sicher nicht wohlgeordneten, aber überschaubaren Welt. Bekannte Namen, bekannte Gesichter, die überkommenen Mittel und Verfahrensweisen – gemischte Gefühle. Spielarten des inneren Monologs, kurze Rückblenden, knappe Beschreibung, Introspektion, die maximale Einfühlung in eine (meist miese) Stimmung des Helden. Da ist alles beim alten geblieben. Nur rücken wir ein Häuschen weiter: kommen in das ansehnliche Anwesen mit Strandzugang und Einliegerwohnung, die an Sommergäste vermietet wird. Wir stehen auf der Schwelle von Dr. Gottlieb Zürn, Immobilienmakler. Keine unergründlichen Bauchschmerzen mehr, die noch Xaver, den kraftfahrenden (Namens-)Vetter zur "Seelenarbeit" gezwungen haben, laden zum Mitleiden ein; die Verstopfung ist hier eher akademischer Natur (wenn auch wieder, mittels Gallenblase, EEG und Krankenscheinen, der Medizin attestiert wird, wie weit sie von der Heilung noch entfernt ist). Zürn, mit sprachlos leidender Frau, vier Kindern, allesamt Mädchen, und somit permanenten Familientragodien gesegnet, bleibt trotz zahlreicher Skrupel Immobilienmakler genug, um Wenigstens privat die Segnungen des unverrückbaren Reichtums zu schätzen: