Als Goethe am 9. September 1823 aus Eger an Jakob von Willemer und Marianne über die Polin Szymanowska schrieb, sie sei „die fertigste und lieblichste Pianospielerin“, die „auch ganz Neues“ in ihm „aufgeregt“ hat, endete er diesen Brief, „erstaunt und erfreut“, mit dem Ausruf „Neigung, Friede, Freude! Goethe“. Am 29. Januar 1832 schrieb ihm Marianne aus Frankfurt über die polnischen Aufständischen ebenso hochgestimmt: „Für jetzt haben die Polen die poetische Ader der guten Frankfurter in Bewegung gebracht... Heute ist ein großes Konzert zum Besten der Polen, und bis Freitag ein zweites. Sie würden Frankfurt in dem Zustand der Aufregung... nicht wiedererkennen.“

Diese Brieffragmente fallen einem ein, wenn man in diesen Tagen meint, in den Straßen, den Café und den Geschäften der Stadt öfter als sonst – und heftiger – Polnisch sprechen zu hören, Erstaunlich viele Polen, denkt man, leben wieder hier und reisen wieder hierher. Das Volk scheint nicht nur unverwüstlich, sondern auch allgegenwärtig zu sein.

Ereignisse wie die der letzten Wochen lassen niemanden unbeteiligt. Und die Besonnenheit und Entschlossenheit der Beteiligten teilt sich auch den Unbeteiligten mit. Es kommt so etwas zustande wie „Neigung, Friede, Freude!“ Man sieht nur wenige, die den Ernst des historischen Augenblicks nicht begriffen, hätten und falsch reagierten. Siegesbewußtsein, auf fremde Kosten oder Schadenfreude, als Selbstentlarvung, wären fehl am Platze, gibt es nicht.

Durch Maria Szymanowskas, der Klaviervirtuosin Empfehlung kam Adam Mickiewicz, Polens Nationaldichter und „Regent der polnischen Seelen“, nach Weimar, um Goethe seine Aufwartung zu machen. Die Beziehung des Polen zur deutschen Literatur war intensiv und wohlfundiert. Sie reichte zurück in die Wilnaer Studentenzeit, die für Mickiewicz 1815 begann und für ihn vor allem mit zwei Professoren unauslöschlich verbunden war: mit dem Danziger Gottfried Ernest Groddeck, der seinen Studenten philologische Akribie im Geiste Winkelmanns, Herders und Lessings beibrachte und ihnen den Zugang zu den alten Sprachen, zur Poetik und Rhetorik öffnete, und mit dem Ostpreußen Joachim Lelewel (Loelhoeffel), dem Mann „von gewaltiger Wissenschaft“ und Kopf der nationalen Erhebung der Polen. Groddeck, der in Danzig eigentlich Pastor hätte werden sollen, auf den in Göttingen eine Professur wartete, folgte dann doch dem Ruf des Kurators Fürsten Adam Czartoryski nach Wilna, um dort im Sinne der Aufklärung das erste philologische Seminar und die erste Universitätsbibliothek klassischer Altertumsliteratur zu begründen. Lelewel, dem Historiker und ersten polnischen Bibliographen, hatte Mickiewicz sein Geschichtsbild, die Achtung vor der Wahrheit und die Liebe zur Welt der Bücher zu danken.

Lelewel war auch politischer Erzieher der polnischen akademischen Jugend. Er „gehörte zu jenen Republikanern“, schreibt der Dichter Mieczyslaw Jastrun in seiner Mickiewicz-Biographie, „die die Sache Polens untrennbar mit der Sache des künftigen Europas der Völker verbanden. Er sah nicht nur unter den Emigranten die Linie der Teilung verlaufen, sondern durch ganz Europa. Der Despotie der Kabinette stellte er die Idee der Freiheit gegenüber, dem Europa der feudalen Privilegien – das Europa der Völker.“ In diesem Sinne wird sein Schüler Mickiewicz in Paris die „Tribune des Peuples“ später redigieren und unter anderem in der Nummer vom 29; März 1849 ein gewichtiger und engagiertes Wort für Europa sprechen: „Welcher ist im Augenblick der erste, wichtigste, lebendigste Wunsch der Völker? Wir zögern nicht zu sagen, daß es der Wunsch nach Verständigung, Vereinigung, Zusammenschluß der Interessen ist... In der Tat, kann es etwas Schändlicheres geben als jenes alte Vorurteil, daß eine von der Hand der Könige quer durchs Land, oft durch eine Stadt, gezogene Linie die Bewohner, sogar Verwandte, in Landsleute und Fremde, in natürliche Feinde trennen darf?“

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Im Jahr 1819 tritt Mickiewicz als Stipendiat seine erste Stelle als Lehrer für Literatur, Geschichte und Recht der Kreisschule in Kowno an. Im Jahre 1822 erscheint sein erster Gedichtband „Balladen und Romanzen“. Die Bewunderung für Schiller spricht aus der Korrespondenz aus jener Zeit. Neben der alten Dichtung steht die Lektüre deutscher Gegenwartsliteratur bei ihm an erster Stelle. Seine ersten Gedichte veröffentlicht er zusammen mit einem Essay „Über die romantische Poesie“, ganz unter dem Eindruck von Goethes Werther, unter dem Eindruck der romantischen Schule, der Novalis und Hölderlin. Die von den polnischen Freischärlern als revolutionäres Manifest empfundene „Ode an die Jugend“, von Schiller angeregt und mit einem Schiller-Zitat eingeleitet, ist in den polnischen Schulen allererste Pflichtlektüre bis auf den heutigen Tag. Im Jahre 1823 wird Mickiewicz von der zaristischen Polizei verhaftet – wegen seiner Zugehörigkeit zu einem Geheimbund der Intellektuellen in Wilna – und ins Innere Rußlands verbannt. Mickiewicz’ prodeutsche Aufgeschlossenheit festigte sich in Rußland noch durch die Freundschaft mit Karoline Jaenisch, der Tochter einer nach Moskau eingewanderten deutschen Familie, in der Gelehrte verkehrten. Karoline interessierte sich im wesentlichen für Poesie und Malerei. Mickiewicz erteilte ihr polnischen Sprachunterricht, sie übersetzte später einige seiner Gedichte. Mickiewicz selbst gab es indessen nie auf, deutsche Lyrik zu übertragen (1827 Goethes „Der Wanderer“ zum Beispiel). Deutsche Zeitschriften in Warschau und Lemberg drückten seine Gedichte, während er in Rußland war, nach.