Von Carl-Christian Kaiser

Mannheim, Ende August Tosende Zustimmung brach aus, rhythmisches Füßetrampeln dröhnte durch den Saal, als Franz Josef Strauß emphatisch ausrief, anders als bei Helmut Schmidt und der SPD stehe die Union nicht schizophren und demoralisiert, sondern als geschlossene Truppe hinter ihm. Das war der bemerkenswerteste Augenblick des gemeinsamen Delegiertentreffens, mit dem CDU und CSU am vergangenen Wochenende im Mannheimer "Rosengarten" ihren Wahlkampf eröffneten. So spontan und weit über alle demonstrativen Absichten gegenüber dem Wählerpublikum hinaus brach das Beifallsgetöse los, daß in diesem Augenblick kaum noch Zweifel erlaubt schienen, ob denn die Union; mit ihrem Kandidaten wirklich im reinen sei.

Tatsächlich vermittelte das Treffen den Eindruck, daß die inneren Skrupel gegenüber Franz Josef Strauß, von denen so viele christliche Demokraten geplagt waren, nachgelassen haben, zumindest bis zum Wahltag. Nun muß es nicht nur sein – wohl oder übel –, mit ihm in die Schlacht zu ziehen, nun soll es auch so sein. Die Union hat entschieden Tritt gefaßt. Daß von den "Nordlichtern" ein so renommierter Mann wie Gerhard Stoltenberg in der vordersten Reihe mitmarschiert, hat das gute Gewissen befördert und die Möglichkeiten, sich mit der Mannschaft zu identifizieren, erheblich ausgeweitet, für die Parteimitglieder und vielleicht auch für die Anhänger. Was Wunder, wenn der schleswig-holsteinische Ministerpräsident in Mannheim nach Helmut Kohl und Strauß die meisten Ovationen erntete.

Außerdem meint die Union letzthin etwas Rückenwind zu verspüren. Die dramatische Streikbewegung in Polen, die deshalb geplatzten Treffen. des Kanzlers mit Edward Gierek und Erich Honecker – sind sie keine Stütze für das von der Union vorgetragene Verlangen nach einer "realistischen Entspannungspolitik" und einer richtigen Einschätzung des kommunistischen Systems? Rückenwind auch in der Innenpolitik: Die gewalttätigen Ausschreitungen beim Rekrutengelöbnis in Bremen oder auch die Krawalle bei Strauß’ Kundgebung in Hamburg – zeigen sie etwa nicht an, was hierzulande ins Rutschen geraten ist? Ist denn nicht wahr, daß die Konjunktur abzuflauen beginnt, daß immer mehr über die Staats Verschuldung geredet wird?

Solche Ereignisse und Themen haben auch dem Mannheimer Treffen Auftrieb verliehen, selbst wenn mancher – nicht vor, sondern hinter den Kulissen natürlich – darauf hinwies, daß sich zum Beispiel das polnische Thema bei einem halbwegs erfolgreichen Ausgang für die Streikenden über Nacht anders ausnehmen könnte – wie es inzwischen geschehen ist. Doch das wird, im Prinzip, nichts an dem Plädoyer der CDU/CSU ändern, künftig müsse die Westpolitik wieder Vorrang haben und gegenüber dem Osten sei mehr Zurückhaltung geboten. Ebensowenig wird die Abgrenzung gegenüber gewaltsamen Demonstrationen die SPD davor bewahren, von der Opposition dafür unmittelbar haftbar gemacht zu werden.

Im Gegenteil: Schmidts behutsame Ost-West-Politik erscheint in den Worten von Strauß schon als "geistiger Neutralismus". Die gegen ihn gerichteten Demonstrationen nennt der Kanzlerkandidat einen Ausdruck der "kulturrevolutiotiären Verhetzung", die immer mehr eingerissen sei. Solche Vokabeln zeigen an, daß die Union die Auseinandersetzung mit einer Regierungskoalition, die windschnittig in der Mehrheitsströmung liegt, bei aller Berücksichtigung von Sachpunkten doch im Grundsätzlichen sucht. Auch das "Mannheimer Manifest" der Union, eine Art Kompaktfassung des Wahl programms, –geht ins Prinzipielle, indem es neben der politischen auch eine "geistige Wende" verlangt: Abkehr von "sozialistischer Betreuungsmentalität, kollektivistischem Zwang und staatlicher Bevormundung". Zur Therapie des vielberedeten Sinndefizits, als Mittel gegen die menschliche Unbehaustheit in der hochtechnisierten und durchrationalisierten Welt, sind freilich auch der Union nur einfache Grundtugenden eingefallen: Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe, Einsatzbereitschaft, Treue, Wahrhaftigkeit, Gemeinschaftssinn, Verantwortungsbewußtsein und Zivilcourage.

Wahrscheinlich kann man einem so überragenden Gegner wie Helmut Schmidt nur grundsätzlich beikommen. Ehedem war in der Union umstritten, ob der auf olympischen demoskopischen Höhen angelangte Kanzler direkt attackiert werden solle. Als Person, aber auch auf den Feldern, auf denen seine Kompetenz am meisten überzeugt: in der Außen- und Wirtschaftspolitik. Nach