Von Dietmar Hawranek

Manfred Becht (Namen von der Redaktion geändert), gelernter Dreher, arbeitete in einer Schlosserei. Er hat "normal, ganz normal, nie besonders viel" getrunken. Nach dem Tod seiner Frau trank er mehr. Abends, nach der Arbeit "hab ich erst ein paar gekippt". Nach zwei Jahren mußte er auch bei der Arbeit trinken, noch vor der Frühstückspause, heimlich auf dem Klo; "ich brauchte meinen Spiegel, damit ich nicht zitter". Das ging einige Zeit gut. Er konnte seine Abhängigkeit verbergen, bis er bei der Arbeit zusammenbrach. Man fuhr ihn ins Krankenhaus. Noch im Krankenbett kam die Kündigung.

Alkohol – in unserer Wohlstandsgesellschaft Droge Nummer eins – macht vor den Werkstoren nicht halt. Jeder 20. Arbeiter und Angestellte ist nach Schätzung der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (DHS) alkoholabhängig. Etwa 150 000 Arbeitsunfalle sind jährlich auf Bier und Schnapskonsum zurückzuführen. Der volkswirtschaftliche Schaden, einschließlich produktionsausfalles, wird aüf 15 Milliarden Mark jährlich geschätzt. Herbert Ziegler, Direktor der DHS: "Jeden Tag müssen Mitarbeiter für ihre Kollegen einspringen, weil sie nicht auf dem Posten sind, weil sie einen Kater haben und in ihrer Arbeitsleistung nachlassen, oder weil sie wegen eines alkoholbedingten Arbeitsunfalles krankgeschrieben sind." Und der Verband der Metallindustriellen in Hamburg sorgt sich, "werden unsere Betriebe die Ausnüchterungsstätten von morgen?"

Das Problem bat Geschichte. "Bier als Mittel gegen Schnaps" – diese Empfehlung gaben viele Unternehmer, die 1885 in einer Enquete zum Problem "Branntwein in Fabriken" befragt wurden. Gleichwohl war die Haltung der Fabrikherren gegenüber Alkoholikern eindeutig. "Je nach Strenge der Betriebsvereinbarung trifft ihn entweder eine Verwarnung, eine Geldbuße, die Ausschließung von der Arbeit für kürzere oder längere Zeit, oder die Entlassung", wurde die gängige Praxis im Jahre 1904 beschrieben.

– Heute gehen die meisten Unternehmen ähnlich vor. Zwar sind die Trinksitten recht locker: Einstands-, Ausstands-, Geburtstags-, Urlaubs- und Jubiläumsfeiern gehörten zum Arbeitsalltag. Es wird erwartet, daß der Kollege mittrinkt. Doch wenn es bei einem über das gelegentliche Trinken hinausgeht, wenn er alkoholkrank ist, reagiert der Betrieb stocknüchtern – meist mit Entlassung. Beim erstenmal wird ermahnt, beim zweiten verwarnt und beim drittenmal gekundigt

Udo Behold. Pressesprecher von Ford weiß, wer ein Qualitäts-Produkt bauen will, bei dem darf es keinen Alkohol geben. Die meisten Unternehmen führen keine Statistik, doch sie betonen, es seien nur wenige Fälle, Ausnahmefälle, in denen zum letzten Mittel – der Kündigung–, gegriffen werde. Bei den Opel-Werken in Rüsselsheim – dort waren 1979 durchschnittlich 42 850 Menschen beschäftigt – wurde im vergangenen Jahr zwei Mitarbeitern wegen Trunksucht gekündigt. Aber solche Zahlen täuschen. Viele Alkoholkranke kündigen selbst und Firmen geben oft andere Entlassungsgründe an, beispielsweise erhöhte Fehlzeiten.

Krupp verbot das Branntweintrinken schon in seinem 1838 herausgegebenen "Reglement für Fabrikarbeiten". Die Firma Zeiss, Jena, verbot 1905 gleichzeitig mit der Einführung des Acht-Stunden-Tages Alkoholgenuß bei der Arbeit. Die Begründung lieferte sie in der Schrift "Das Arbeitsverhältnis im Jenaer Zeisswerk": Bei zehn- und mehrstündiger Arbeitszeit möge der Stimulus des Biertrinkens vielleicht schwer zu entbehren sein. Bei den kurzen Schichten des Acht-Stunden-Tages beruhe das Bedürfnis nach Biergenuß aber nur auf Gewohnheit. Auch heute ist das Thema Alkoholkranke für die meisten Betriebe mit einem Alkoholverbot erledigt. Udo Reinhold von Ford: "Bei uns wird nicht getrunken."