Von Jürg Altwegg

In dem vor kurzem erschienenen Taschenbuch (dtv) "Daten der französischen Literatur" wird die Lebenszeit von Louis Guilloux mit den Zahlen "1899–1973" angegeben. Diese voreilige Grablegung eines Schriftstellers, der im bretonischen Saint-Brieuc lebt, setzt das Ende seines irdischen Daseins ausgerechnet in jenem Jahr 1973 an, da in der DDR eine von den Datensammlern des Deutschen Taschenbuch Verlages übergangene erste deutschsprachige Übersetzung seines Meisterwerks "Le sang noir" erschienen ist. Auf sie stützt sich das Buch, mit dem der Verlag Steinhausen in seinen Bemühungen um literarisches Profil eine Reihe bedeutender Ausgaben von Guilloux zu eröffnen verspricht –

Louis Guilloux: "Schwarzes Blut", Roman, aus dem Französischen von Karl Heinrich; Verlag Steinhausen, München, 1979; 592 S., 34,– DM.

Louis Guilloux, noch im letzten Jahrhundert als Sohn eines sozialistischen Schuhmachers geboren, war Korrektor an einer englischsprachigen Zeitung, ehe er 1927 sein erstes Buch, "La Maison du Peuple" (Das Volkshaus), veröffentlichte. 1935 ( ist das wichtigste Jahr in seiner Laufbahn: Guilloux ist Vorsitzender des Ersten Kongresses antifaschistischer Schriftsteller, unternimmt mit André Gide die legendäre Moskau-Reise, von der er ebenfalls völlig desillusioniert zurückkommt, und veröffentlicht den Roman "Schwarzes Blut". Obwohl ihm die allerhöchsten Ehren der literarischen Republik – so die Mitgliedschaft der Académie Française – verwehrt blieben, erhielt er im Laufe seines langen Lebens und Schreibens einige Literaturpreise: 1942 den Prix Populiste, 1949 den Renaudot, 1967 für sein Gesamtwerk den "Grand Prix National des Lettres" und vor zwei Jahren den "Großen Goldadler der Buchmesse Nizza". 1962 veröffentlichte Guilloux eine nach seiner Hauptperson, "Cripure", benannte dramatisierte Fassung seines berühmtesten Romans, die 1967 von Marcel Maréchal inszeniert wurde.

"Schwarzes Blut" ist – drei Jahre vor Sartres "Ekel" – die tragische Lebensgeschichte des scheiternden Philosophieprofessors Merlin. "Cripure" nennen ihn die Schüler wegen seiner Bewunderung für die reinen "Critique de la raison pure" (Kants "Kritik der reien Vernunft") – mit vol-Georges Pallante.

Merlin alias Cripure, körperlich ein Krüppel, geistig vom verbleichenden Ruhm einer nie mehr bestätigten publizistischen Einzelleistung zehrend, lebt mit einer ehemaligen Dirne und vier Hunden zusammen. Mit seinem Ziegenfell, das er beim Ausgehen trägt, zieht er das Gespött der Leute auf sich. Merlin erweist sich als überaus kultivierter, belesener Mann mit einer vom Gefühl bestimmten Neigung zum Sozialismus. Doch hindert ihn die Zugehörigkeit zum Bürgertum (das ihn doch längst verstoßen hat), vor allem seine psychologische Bindung an ihre kulturellen "Werte" und Privilegien am wirklichen Eintreten für sein Ideal, am bewußten Handeln schlechthin. So verbleibt Cripure lebenslänglich einer nicht einmal als unangenehm empfundenen nostalgischen Melancholie verhaftet – ein idealistischer Tagträumer in einem feindlichen Klima, das ihn noch weiter in die innere Emigration drängt. Als er vom Tode seiner Frau hört, die ihn längst verlassen hat, nimmt er sich das Leben,

Der Roman ist im Stil einer episch aufgefächerten Chronik konzipiert und auf die vierundzwanzig Stunden eines Tages konzentriert. Er enthält zahlreiche Episoden, die (ohne mit Merlins Schicksal in Zusammenhang zu stehen) wesentliche Elemente zum mosaikartig zusammengetragenen Porträt einer Epoche beisteuern. Geschickt verknüpft Guilloux individuelle Ereignisse mit historischen Gegebenheiten und bringt dazu in großer Zahl vereinzelte Menschen ins Spiel – ein früher Versuch, das neue Phänomen "Masse" ästhetisch zu bewältigen, der Literaturgeschichte gemacht hat.