/ Von Ulrich Schiller

Washington, im September

Alle Jahre wieder lügen sich die Amerikaner fröhlich in die Tasche und tun so, als beginne mit dem Labor day, dem ersten Montag im September, der eigentliche Wahlkampf. Um diesen Mythos am Leben zu erhalten, schreckten die Kandidaten auch diesmal vor keiner Strapaze zurück:

Jimmy Carter mußte sich den Schweiß mit beiden Händen aus dem Gesicht schöpfen, weil er sich trotz Alabamas sengender Sonne Stärkung und Selbstvertrauen bei. seiner unerschütterlichen Südstaatengefolgschaft einholen wollte. John Anderson, der Unabhängige, produzierte rechtzeitig zum Labor day einen Vizepräsidentschaftskandidaten und auch ein Wahlprogramm, das noch in der Kurzfassung über siebzig Seiten füllt. Und Ronald Reagan, der Profi im Schaugeschäft, schuf sich eine Szene, deren optischer Verführung die Kameramänner fliegen mußten. Er stellte sich mit wehendem Haar vor die Freiheitsstatue und beschuldigte, ein zürnender Prophet, den amtierenden Präsidenten des Betrugs am wirtschaftlichen Wohl der Nation. Der Clou der Schau war dann, daß die Reagan-Leute Stanislaw Walesa, den in New Jersey lebenden Vater des "Helden von Danzig", ausfindig gemacht hatten und ihn neben den Präsidentschaftskandidaten aufs Podium stellen konnten.

Reagan war, auch das eine symbolträchtige Geste, bei seinem Wahlkampfauftakt in ungewisses Territorium vorgestoßen – in die traditionellen, aber etwas brüchig gewordenen demokratischen Hochburgen des industriellen Nordostens wie Jersey City und Detroit. Die Arbeiter will er Carter abspenstig machen, auch die ethnischen Minderheiten aus Italien und Osteuropa, die nur selten zu den Begüterten des Landes gehören. Selbst diejenigen, die noch heute zur Fahne des New Deal stehen, gehören zu seiner Zielgruppe. Von dem demokratischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt hatte sich Reagan auf dem Parteikonvent der Republikaner auch prompt die einschlägigen Zitate geliehen. Jetzt mietete er noch ein Haus, das einmal zum Besitzstand eines anderen demokratischen Präsidenten gehörte.

John F. Kennedy hätte dort meditieren sollen. So wollte es 1962 seine Frau Jacqueline, als sie bei Middleburg in Virginia das Landhaus kaufte, das sie in ihrer unverwechselbaren Bescheidenheit ihr "Cottage" nannte. Die "Hütte" hat 15 Zimmer, Pool und Garage, Luftschutzkeller und vor dem Haupt-Schlafzimmer eine zehn Meter lange Glasfront mit Breitwandblick auf die Bitte Ridge Mountains. Vorige Woche haben sich dort die Reagans ihre Ostküstenresidenz eingerichtet – zunächst bis Anfang Januar, heißt es vorsichtig. Das Weiße Haus ist knapp 70 km entfernt. Reagan ante portas? Gleich am Sonntag zeigten sich die Reagans hoch zu Roß, der Ostküste angepaßt diesmal englischen Zuschnitts. Der Karikaturist des Washington Star, einer Zeitung der Hauptstadt, hatte freilich noch den kalifornischen Reagan vor Augen, als er ihn in der Ausgabe desselben Tages als den Revolverhelden im Western-Aufzug porträtierte, wie der sich – paff – in das eigene Bein schießt. Denn das war unzweifelhaft eine zutreffende Charakterisierung der Vorstellung, die der republikanische Präsidentschaftskandidat vor dem Wahlkampfgefecht gab, als er eigentlich Jimmy Carter und dessen Außenpolitik treffen wollte.

Für seinen Auftritt vor dem Verband der Kriegs Veteranen Mitte August in Chikago war er gündlich vorbereitet. Alle seine maßgebenden außen- und sicherheitspolitischen Berater hatten an der Rede gefeilt, die in großem Ernst die Erhaltung des Friedens als oberstes Gebot herausstellte. Es könne freilich kein Frieden um jeden Preis, kein Frieden der schrittweisen Kapitulation sein, präzisierte Reagan und wiederholte, daß er bei aller Bereitschaft zu Abrüstungsverhandlungen mit den Sowjets den zweiten Salt-Vertrag ablehnen müsse, weil der den Fortgang einer einseitigen Aufrüstung legitimiere.