Zeitliches aus Frankreich

Mit dem August in Paris ist das so eine Sache. Die einen behaupten, er sei die schönste Zeit des Jahres: weniger Pariser, weniger Autos, weniger Lärm. Die andern sehen nur die Kehrseite der Medaille: geschlossene Geschäfte, geschlossene Restaurants, geschlossene Theater.

Doch sogar August-Muffel geben zu, daß sich einiges geändert hat. Man findet zum Beispiel immer einen Bäcker, einen Metzger, einen Zeitungsladen, der auf hat. Diesmal zog es sogar manches Spesenrestaurant vor, auch im August die gastronomische Fahne hochzuhalten. Und mit etwas Glück entdeckt man sogar eine Wäscherei, einer der heikelsten Punkte in der sommerlichen Überlebensstrategie.

Die Einzelhändler sind indes nicht nur emsiger geworden in diesem Sommer, sie haben sich auch beträchtlich vermehrt. Trotz Supermarkt und Kaufhaus: Der Laden an der Ecke ist im Kommen, und in Paris profitieren ganze Stadtviertel davon.

Die Zahlen sind verblüffend. Zwischen 1970 und 1979 wurden in Frankreich 60 600 neue -Geschäfte, aufgemacht und nur 11 000 geschlossen. Kurioserweise hat sich dieser Trend mit der Verschärfung der Krise beschleunigt. 1979 wurde mit 17 700 Neugründungen ein Rekord für die letzten zwanzig Jahre registriert, wobei die Zahl der Schließungen eindeutig rückläufig war.

Um gleich vor einem Trugschluß zu warnen: Tante Emma profitiert von diesem Boom des "klein, aber fein" kaum. Auch in Frankreich ist der Krämer an der Ecke auf dem Rückzug. So ist die Zahl der Lebensmittelläden um etwa 53 000 in den letzten Jahren zurückgegangen.

Tante Emmas Erben sind anderswo zu suchen. Etwa in den Bereichen Bekleidung und Antiquitäten. Hinter diesen vornehmen Bezeichnungen verstecken sich zum Beispiel unzählige Trödelläden und Second-Hand-Shops, aber auch Modeboutiquen und exklusive Mini-Möbelsalons. Am oberen wie am unteren Ende der Eleganz- und Preisskala scheint sich das Geschäft zu lohnen.