Nicht einmal darauf, daß Wirtschaftsprognosen immer falsch sind, ist mehr Verlaß. Die Leistungsbilanz der Bundesrepublik wies zur Jahresmitte ein Defizit von 12,3 Milliarden Mark auf – exakt wie von den Experten einhellig vorhergesagt.

Dabei hatte die deutsche Industrie alles getan, um die Propheten Lügen zu strafen. Sie war auf den Märkten der Welt erfolgreicher denn je und exportierte zwischen Januar und Juni real acht Prozent mehr als vor Jahresfrist. Die Importe wuchsen dagegen nur noch um sechs Prozent. Dennoch schmilzt der einstmals so stolze Überschuß unserer Handelsbilanz dahin wie Schnee unter der Sonne: Im Juli machte der Überschuß der Ausfuhr über die Einfuhr gerade noch müde 100 Millionen Mark aus. Weil die deutschen Touristen zugleich im Ausland die D-Mark unbekümmert rollen ließen, blieb in der Leistungsbilanz im Juli unterm Strich ein Rekordminus von über fünf Milliarden Mark.

So sehr man sich auch um Originalität bei der Erklärung dieses tristen Zahlenwerks bemühen mag: Einzig ins Gewicht fallender Grund für das wachsende Loch in der Leistungsbilanz sind die steigenden Ölpreise. Einziges Rezept dagegen ist die Politik des "Weg vom Öl",

Wer freilich die Prognose wagen will, daß diese Politik in absehbarer Zeit mit gebührendem Nachdruck verfolgt werden wird, hat gute Aussichten, sich zu irren. wge