Bilder eines ägäischen Sommers unter lauter, jungen Menschen. Bilder, denen der Gilb nichts anhaben kann.

Unendlich hohe Sternenhimmel über schmalen Buchten. Wohlig nachglühende Sonnenwärme des Sandes unterm Schlafsack. Lieder am Lagerfeuer; Gespräche, beschwingt vom kretischen Kokkinelli. Das größte Glück der größten Zahl – wie definiert sich das? Gibt es konfliktfreie Solidarität? "Aufhebung der Politik zugunsten des Lebens" – ist das nicht eine Illusion? Am nächsten Morgen ein Mädchen, das sich am nahen Süßwasserteich wäscht, nackt, wie es der Herrgott geschaffen hat, mit selbstvergessenen Bewegungen, die ein Choreograph nicht anmutiger hätte einstudieren können: eine rituelle Waschung.

Ein blonder Guru, wallend der Bart und das Gewand, der am Strand seine Meditationen verrichtet. Im offenen Jeep irre Schüttelfahrten über steile Schotterstraßen; Thymianduft in den glastigen Felshängen. Kraxeltouren über Saumpfade. Mittagswolken über Phaestos. Seeigelsalat bei Vollmond in Chania. Mariae Himmelfahrt: Weihrauchorgie bei der Kindstaufe im Kloster Chrysokalitissas.

Als ich das erste Mal so mit Rucksack und Schlafsack loszog, vorigen Sommer auf unserer Trampfahrt über die ägäischen Inseln, kam mir das Vorhaben noch leicht, verrückt vor. Drei Wochen unter freiem Himmel schlafen, Sichtreiben-lassen, wohin der Wind gerade weht oder der Dampfer fährt, ohne Plan und Termindruck, allem Zwang entrinnen – ich hätte es mir nicht vorstellen können. Nachher war ich sehr davon angetan. Ich war froh, daß es sich in diesem Sommer abermals machen ließ.

Warum? Weil die gemeinsame Er-Fahrung mit meinem achtzehnjährigen Sohn und vielen seiner Altersgenossen mir eine Nähe zu ihnen verschafft hat, wie sie der Generation der Väter heute selten vergönnt ist. Mehr Vierzigjährige oder Fünfzigjährige sollten dergleichen tun. Die Kluft zwischen den Generationen würde nicht verschwinden; aber sie würde viel von ihrem Schrecken verlieren. Man muß die Jugend erleben, um sie zu verstehen: auf den Fähren der Ägäis, an den Inselstränden, in den Gebirgen Kretas. Sie gewinnt, wo sie unter sich ist: fern von zu Hause. Ich will nicht verschweigen: Da bleibt Bedenkliches.

Die Jungen sind bei aller Kontaktfreudigkeit bindungslos. Gewiß, sie "können miteinander", leicht. Ihre Gruppen öffnen sich jedem. Aber die Fixierung aufeinander ist locker, oberflächlich, unverbindlich. Sie driften schnell wieder auseinander. Sie scheuen die einbindende Ordnung. Wo sie Bezüge suchen, sind sie psychologisch nicht soziologisch; es geht ihnen um die Durchsetzung des Individuellen, nicht um gemeinschaftliche Bindung.

Sie sind auch ziemlich bildungslos – eine Generation, die Joseph, nicht kennt, auch nicht Marx, Marcuse, Habermas. Ein bißchen Erich Fromm, ein bißchen Böll, ein bißchen Wallraff, ein bißchen Goethe und ein bißchen Reich – zur Bildung addiert sich’s nicht, nicht einmal zur Halbbildung der Eltern. Freilich, dafür können sie nichts: Die Schulen, in denen sie nichts lernen (wie sie selber gelegentlich einräumen), haben ihnen schließlich wir Väter so hingestellt.