Von Jens Albrecht

Die großen Meister am Schachbrett sind allesamt ausgeprägte Individualisten – eigenwillig bis exzentrisch: Einem Robert Hübner zum Beispiel kommt ein neugieriger Reporter nicht ungestraft zu nahe:

"Ich vermag nicht einzuschätzen, ob ich das einzuschätzen vermag" – Hühner auf die Frage eines Journalisten, ob seine Partie auf Gewinn stehe; ,,Darüber habe ich nichts zu sagen" – auf die Frage eines Journalisten, wie er seinen nächsten Gegner Viktor Kortschnoi beurteile;

"Das Gesetz der Logik erzwingt die gleiche Antwort" – auf die Frage desselben Journalisten, ob er glaube, auch den Weltmeister Karpow schlagen zu können;

"Ich auch nicht" – auf die Bemerkung eines Interviewers, daß er, der Fragende, nichts vom Schach verstehe.

Im gleichen Maße, wie er mit seinen Figurenkombinationen die Gegnerschaft hereinlegt, verblüfft Robert Hübner seine Umwelt mit Worten, kultiviert sich als Misanthrop, was Folgen haben könnte: Seine Bewunderer werden anspruchsvoll – sie verlangen künftig mehr und noch pointierteres Understatement vom intelligenten Doktor phil. aus dem rheinischen Porz.

Freilich, besteht vorläufig keine Gefahr, daß Hübner in dieser Beziehung in Zugzwang geraten könnte. Zum einen wird er sich, wie er es immer tat, in der Öffentlichkeit rar machen, und zum anderen wird er auch im Bedarfsfall seinen rhetorischen Einfallsreichtum nicht so ohne weiteres verschleudern. Sparsam mit Vokabeln war er schon immer. So wechselte er mit seinem rumänischen Gegner Gheorgiu während einer vierstündigen Partie im jugoslawischen Skopje ganze vier Worte: "Zu früh" (als ihm der Gegner Remis anbot) und "zu spät" (als dieses Angebot wenige Züge später erneuert wurde).