Ein Nachruf auf Chéreaus Bayreuther Inszenierung des "Ring des Nibelungen

Von Reinhard Baumgart

Am 1. August 1979 sah ich gegen drei Uhr nachmittags in Bayreuth einen Herrn in den besten Jahren und im Smoking durch den Alltagsbetrieb der Stadt geduldig in Richtung Festspielhaus flanieren, ein Sitzkissen unter dem Arm, das Opernglaskästchen in der Linken. Um diese Uhrzeit, zu dieser Jahreszeit sind so ausgerüstete Herrn diesem Stadtbild nicht fremd, doch an diesem Tag fiel dieser eine einsame Smoking auf, was wiederum ihm noch nicht aufzufallen schien. Sein Aufstieg zum Grünen Hügel war aussichtslos: Er pilgerte durch einen spielfreien Tag, seine "Götterdämmerung" würde erst morgen stattfinden. Der Herr war offenbar, wie Hans Castorp auf seinem Grauen Hügel, "der Welt abhanden gekommen".

Jetzt, ein gutes Jahr danach, bin ich gar nicht mehr so sicher, diesen weltverlorenen Herrn leibhaftig gesehen zu haben, so sehr scheint er nun die Allegorie einer Erfahrung, die in den letzten fünf Jahren einige zehntausend Bayreuth-Besucher gemacht haben. Eingesponnen in die Lektüre eines szenisch-musikalischen Unendlichkeitsromans, in klare Rätselbilder, die einem ganzen Weltlauf vom Anfang im Wasser bis zur Reinigungskatastrophe in Wasser und Feuer zu erzählen hatten, waren manchem Zuschauer, Zuhörer Zeitgefühl, und Alltagshaftung verlorengegangen.

Mit dem singenden Film also, der vergangenen Freitag über die Fernsehschirme lief, gefällig ausgeleuchtet und robust zusammengeschnitten, hatte diese Erfahrung nichts, fast nichts zu tun. Und doch, "unbeschreiblich" (nie habe ich das emphatische, atemlose Wort so oft gehört wie in Bayreuth), unbeschreiblich war das alles nicht. Im Gegenteil: nur allzu beschreibbar. Aber auch ich, als ich drei Jahre lang diese Beschreibungen des Bayreuther Wunders oder Frevels las, hatte am Ende immer nur zwei- oder dreierlei behalten: das Stauwehr im Rhein, Gunther im Frack, Hagen als Gewerkschaftsboß mit Speer. Unbeschreiblich war offenbar die Absicht, die hier Regie geführt hatte. Parodie? Klassenkampf? Surrealismus? Das alles und mehr des Unsinns ist immer wieder vermutet worden. Man sah diese jähen oder stillen Bilder und tastete benommen nach einem Zusammenhang. War da womöglich keiner?

Auch mir fiel an dieser Inszenierung zunächst nur eine schlichte, kräftige Energie auf: Sie staunt und lädt uns ein in dieses Staunen. Sie staunt sich hinein in dieses unmögliche und doch fertig gewordene Werk, das sich zwischen Paulskirche und Bismarck vorgenommen hat, eine Weltsumme in Musik und Gesang zu setzen, sozusagen den "Lear" auf die "Antigone" zu türmen und dann mit "Faust II" zu multiplizieren, um das ganze Traumspiel auch noch zu vertonen. So etwas, sagen seitdem Wagners Gegner, kann nur einem Riesen-Dilettanten einfallen. Einer Kunstgeschichte, in der es von Meistern und Kleinmeistern nur so wimmelt, wünscht man unwillkürlich mehr Leute solchen Schlages. So sind ja auch Chéreau und Boulez, diese beiden Anfänger in Sachen "Ring", zunächst genannt worden: Dilettanten.

Vier Bilder möchte ich nacherzählen, so kurz, so staunend wie möglich, vier Bilder an drei Abenden.