Von Karl-Heinz Janßen

Ein Jahr nach dem Eintritt Amerikas in den Zweiten Weltkrieg machte sich Präsident Roosevelt Gedanken über die neue Weltordnung. Er entwarf ein Kondominium der "Großen Vier" Weltpolizisten – Amerika, England, Rußland, China –, wobei die Angelsachsen mit ihrem Atomwaffenpotential den Ton angegeben hätten. Der Rest der Welt mochte getrost abrüsten: "Rußland werde mit der Erhaltung des Friedens in der westlichen Hemisphäre beauftragt werden, die Vereinigten Staaten und China im Nahen Osten."

Wir leben heute, zum Glück, nicht unter russischer Vormundschaft wie die Polen, und China kümmert sich um anderes als den Orient. Dafür ist jedoch die von Roosevelt erträumte "One World" in zwei Blöcke geteilt worden, die sich gegenseitig mit gewaltigen Vernichtungspotentialen in Schach halten und auf ein schier endloses Wettrüsten eingelassen haben. Das ist der fortwährende Fluch des kalten Krieges, eines der in Ursache und Wirkung umstrittensten Phänomene der Zeitgeschichte.

Unsere Meinungen über den kalten Krieg wurden bisher von zwei einander widersprechenden und bekämpfenden Denkschulen der historischpolitischen Wissenschaften bestimmt. Für die Traditionalisten, die unter Politikern und Militärs der westlichen Welt noch immer auf eine gläubige Gemeinde zählen können, ist an der Teilung der Welt einzig die expansive Außenpolitik und die weltrevolutionäre Ideologie der Sowjetunion schuld; erst als sich Moskau allen westlichen Appellen zur Zusammenarbeit verschloß, habe sich die "freie Welt" unter dem Banner Amerikas zur Selbstverteidigung gegen die Bedrohung aus dem Osten zusammenschließen müssen. Gegen diese Ansicht opponierten, besonders im Gefolge des Vietnamkrieges Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre und unter dem Einfluß der Neuen Linken, die Revisionisten: Sie führen den kalten Krieg und die seither verfahrene Weltlage einzig auf den Dollarimperialismus zurück, auf das expansive ökonomischpolitische System der Vereinigten Staaten.

Über diesen Streit hinaus führt nun das Buch eines jungen deutschen Historikers, der die Argumente beider Seiten unparteiisch abwägt und von einer, gewissermaßen, europäischen dritten Position aus viele Fakten neu bewertet (die freilich zu einem großen Teil erst jüngst infolge allmählicher Öffnung der Archive bekannt geworden sind):

Wilfried Loth: "Die Teilung der Welt. törichte des Kalten Krieges 1941–1955", in: dtv – Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts; Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1980; 355 S., 12,80 DM.

Loths Schlußbilanz ist frappierend: Der kalte Krieg, war eigentlich unnötig, vermeidbar. Klarer als die verängstigten Menschen Ende der vierziger Jahre vermögen wir heute zu erkennen, von welch ungleichen Positionen die beiden Hauptsiegermächte nach 1945 ausgingen. Dort die Sowjetunion, nach dem Verlust von zwanzig Millionen Menschen, nach unermeßlichen Verwüstungen im eigenen Land geschwächt, hilfsbedürftig, belastet mit ideologischen Problemen, die ans Mark der Existenz gingen, dabei auf Grund leidvoller historischer Erfahrungen voller Mißtrauen gegen die kapitalistischen Verbündeten. Hier die Vereinigten Staaten, politisch und wirtschaftlich kraftstrotzend, vom Krieg im eigenen Land verschont, optimistisch, begierig, alle Völker mit den Segnungen des "american way of life" zu beglücken, wobei sich Nächstenliebe und Eigennutz aufs schönste verbanden.