... sind Menschen so leicht irritiert, wenn ihr Rollenverhalten durchbrochen wird? Begegnet man seinem Tankwart am Flugplatz Zürich, so weiß man plötzlich nicht, wie reagieren; der Mann hat plötzlich keinen blauen Kittel an, sondern "bürgerliche" Kleidung – er sieht aus wie man selber.

Es scheint so, als bekäme jeder einen kleinen Schreck, wenn der Kellner aus einem häufig besuchten Restaurant beim Einkaufen im Horten-Bunker neben einem steht; neulich hatte man noch über den Wein gesprochen, sich eine Vorspeise empfehlen lassen, hatte er ein Trinkgeld entgegengenommen – und nun steht er bei "Herrenunterwäsche", ein ganz normaler. Familienvater, der Unterhosen braucht wie jeder andere.

Ist es ein Hauch von Indezenz, das Wegfallen einer Schranke, die jeden beklommen macht? Ich beobachtete kürzlich, zwei gemeinsam reisende Kollegen im Flugzeug, mit Aktenköfferchen, Klarsichthüllen und "Vorgängen" beschäftigt bis zur Landung in München. Sie waren nicht herzlich, aber kollegial-freundlich. Aber der eine wurde von Frau und Töchterchen abgeholt: Es entstand eine Peinlichkeit. "Dies ist meine kleine Tochter Margit", wiederholte sinnlos-verlegen, wie ertappt in einer offensichtlich privaten Situation, der eine Herr dem anderen ein ums andere Mal, der seinerseits, jedesmal ein eher abwehrendes "Nein, wie niedlich" hervorbrachte. Das Kofferfließband erlöste die Herren voneinander. Jeder hatte seine Rolle wiedergefunden; seine Krücke? Fühlen Menschen sich, wenn sie plötzlich nicht mehr Bildreporterin, Buchhalter oder Verkaufschef sind, entblößt? F. 1. R.