Von Joachim Nawrocki

Fleischpreise und Fleischknappheit waren in Polen immer wieder der Anlaß von Arbeiteraufständen. Doch vor Jahren schon hat einmal eine polnische Zeitung ihren Lesern erklärt, es gäbe nicht zu wenig Fleisch, es werde vielmehr zu viel Fleisch gegessen. Diese Behauptung war zwar überspitzt und führte zu empörten Reaktionen, aber sie enthielt mehr als nur ein Körnchen Wahrheit. Der Fleischverbrauch je Kopf der Bevölkerung liegt in Polen bei 71 Kilogramm im Jahr. Genausoviel haben die Bundesbürger im Jahre 1967 gegessen, und niemand wird behaupten können, daß es vor 13 Jahren hier eine Krise der Fleischversorgung gegeben hätte. Heute essen die Bundesbürger 85 Kilo Fleisch, die Russen aber nur 55 Kilo.

Warum ist dennoch in Polen das Fleisch so knapp, daß die streikenden Arbeiter sogar die Rationierung forderten? Folgende wahre Begebenheit mag das erläutern: Eine Großfamilie, die ein Familienfest plante, teilte die Vorbereitungen untereinander auf: Einer sollte Fleisch besorgen, ein anderer Backwaren, ein dritter Getränke. Aber jeder, der unterwegs war, sah plötzlich Fleisch im Schaufenster, dachte, daß vielleicht die anderen nicht so viel Glück haben würden, griff zu – und das Ergebnis war, daß der Kühlschrank nicht mehr ausreichte, um all das Fleisch aufzunehmen.

Die Versorgungsschwierigkeiten in Polen sind zum großenTeil die Folge von Verteilungsproblemen und einer wahnwitzigen Subventionswirtschaft. Lebensmittel sind so billig, daß damit verschwenderisch umgegangen wird. Bauern verfüttern Brot an ihr Vieh, weil das weniger kostet als die ohnehin knappen Futtermittel. Um die Erzeugungskosten wenigstens teilweiser zu decken, ist der Staat dazu Fleischproduktion in den teuren Devisenläden anzubieten. Außerdem, werden einzelne Städte besser versorgt als andere, oder es wird einfach schlecht geplant. Die Folge ist, daß es immer Wieder Engpässe in der Versorgung mit Lebensmitteln gibt.

Die Subventionen, mit denen der Staat die Preise für Nahrungsmittel, Energie und die Miete niedrig hält, sind auf jetzt 500 Milliarden Miete (= 30 Milliarden Mark) gewachsen; das sind rund 40 Prozent des gesamten Staatshaushalts und entspricht ungefähr der Hälfte der gesamten Lohnsumme. Das heißt, zu den 5500 Zloty, die die Polen im Durchschnitt monatlich verdienen, bekommen sie noch einmal 2300 Zloty durch das, was man in der DDR die "zweite Lohntüte" nennt: durch verbilligte Lebensmittel, Mieten und Tarife.

Noch vor wenigen Jahren, Mitte 1976, lagen die Lebensmittelsubventionen nur bei hundert Milliarden Zloty, und die Regierung empfand schon diese Summe als so unerträglich, daß sie versuchte, durch Preiserhöhungen Ballast abzuwerfen. Aber auf Preissteigerungen haben die Polen immer, mit Unruhen und Streiks reagiert; selbst gleichzeitige Lohnerhöhungen haben sie nicht besänftigen können. Dabei wäre dies der einzige Weg, um zu kostendeckenden Preisen, sparsamerem Verbrauch und zusätzlichen Produktionsanreizen zu kommen.

Aber es ist nicht die reine Unvernunft, die immer wieder zu Protesten der Bevölkerung gegen im Grunde sinnvolle Maßnahmen führt. Vielmehr schlagen dabei die allgemeine Unzufriedenheit mit einer hektischen, chaotischen Wirtschaftspolitik und die Erinnerung an Versprechungen durch, die selten eingehalten wurden. Die eigentliche Ursache aller Unruhen war immer die Vertrauenskrise zwischen Volk und Staat, die auch Politiker wie Gomulka und Gierek nur zeitweilig überspielen konnten – meist, indem sie Hoffnungen weckten, die nicht erfüllt werden konnten.