Von Klaus Viedebantt

Der Dunst, der so oft über Frankfurt und seinem östlichen Vorposten Hanau liegt, löst sich hier allmählich auf. Gemächlich steigt die Straße aus dem fabrikbestandenen Maintal hinauf in die Wetterau; es ist eine geschäftige Straße, besonders am Morgen und am frühen Nachmittag. Erlensee, Langendiebach – das ist Pendlerland, bestückt mit ungezählten, meist langweiligen Einfamilienhäusern und ein paar von Wohnungsscheußlichkeiten nach Siloart. Morgens wird die Wohnstadt verlassen, abends, nach Arbeitsschluß, belebt sie sich wieder – bis die Fernsehstunde anbricht. Diese Landschaft hat ihr Gesicht und ihre Eigenart verloren.

Es braucht eine Weile, bis man den stockfleckigen Rand des Ballungsraums Rhein-Main durchmessen hat. Hüttengesäß bietet der Phantasie des Reisenden das erste Futter – aber auch nur dank seines Namens, nicht wegen seines einfallslosen Ortsbildes. Ein paar Kilometer weiter endlich einmal etwas für das Auge: die Ronneburg bei Altwiedermus, nach bester, alter Burgherrenart schmuck auf einem Basaltkegel errichtet.

Wer ihr Bauherr war, vermag heute niemand mehr genau zu sagen. Vermutlich war es Graf Gerlach von Büdingen im ersten Viertel des 12. Jahrhunderts. (Der Renaissanceaufbau des Turms entstand erst 1575.) Die zur Gründungszeit der Burg mächtigen Herren von Mainz blickten immer wohlgefällig auf das wehrhafte Gemäuer zwischen Nidda und Kinzig. Die Festung war wie geschaffen, um ihre weitläufigen Besitztümer gegen Norden hin abzusichern, deshalb erstand Mainz 1313 den Trutzbau.

Die Ronneburg, die im Innenhof einen 84 Meter tiefen Brunnen hat, ist ein beliebtes Ausflugsziel für die Frankfurter und ihre kleineren Nachbarn, auch des Burgmuseums und des stilgerechten Restaurants über dem einstigen Marstall wegen. Heute gehört die Anlage dem Haus Ysenburg und Büdingen. Als die Fürsten vor einigen Jahren einem pensionierten Hauptmann und seiner Familie die Verwaltung der Ronneburg übertrugen, ließ dieser nicht nur die Tradition der spätsommerlichen Burgfeste Wiederaufleben, sondern setzte auch Konzerte an in dem romantisch gestimmten Bau. Das Programm reichte von klassischen Veranstaltungen mit Flöten-, Gamben- und Lautenklängen bis zu swingenden Jazz-Sessions, wurde jetzt aber abgebrochen. Im etwa zehn Kilometer entfernten Barockschlößchen Gunderode in der Gemeinde Altenstadt-Höchst wird die Konzertreihe von Oktober an fortgesetzt.

Die Besitzer der Ronneburg wohnen nur acht Kilometer weiter, in Büdingen. Die Kernburg derer von Ysenburg-Büdingen wurde vor etwa 800 Jahren gegründet, aber Generationen haben an dem Familiensitz weitergebaut. Daraus ist ein fast kreisförmiger Bau mit 13 Kanten und einem Bergfried geworden, dessen eigenwilliger Reiz sich allerdings nur auf Luftaufnahmen völlig erschließt. Der Bautenzirkel ist nur ein Teil des fürstlichen Wasserschlosses, das auch besichtigt werden kann. Bei Rundgängen, so wurde uns berichtet, müsse der Führer vor den (auch noch als Privaträumen genutzten) Zimmern ein Zeichen geben, damit die standesgemäßen Bewohner nicht selbst zu Ausstellungsstücken werden.

Büdingen, das ^hessische Rothenburg", ist wie keine andere Stadt dieser historisch bewegten Region imstande, eine Vorstellung vom mittelalterlichen Gemeinwesen zu geben. Die drei Stadtumwallungen aus dem 12. bis 14. Jahrhundert sind noch zu einem großen Teil erhalten. Die meisten dieser mittelalterlichen Anlagen sind in städtischem Besitz. Teilweise kann man sie von der Krone der äußeren Mauer überblicken; besichtigen kann man sie aber nicht, da das Gelände zwischen den drei Mauerringen heute in privatem Besitz ist.