Die Kampagne "Freiheit statt Sozialismus" soll um ein weiteres Kapitel bereichert werden. Die diffamierende Gleichsetzung von Faschisten und Sozialisten, die unverändert zum Wahlkampfvokabular der Unionsparteien zählt, wird jetzt auf die Arbeit von Künstlern ausgedehnt. Gemeint ist die Kampagne gegen den Graphiker Klaus Staeck, dessen Arbeiten als "typisch faschistisch" verunglimpft werden. Die Angriffe der CDU/CSU stehen in der Tradition der deutschen Rechten, die seit der Weimarer Republik die Technik des politischen Rufmordes gegen die Verteidiger von Freiheit und Republik angewendet haben. Politische Diffamierung dieser Art lebt nicht von inhaltlicher Argumentation, sondern sie ist eine Methode, mit wiederholten Verdächtigungen und Unterstellungen auf Ressentiments beim Publikum anzusprechen. Die Abscheu gegenüber der Nazizeit wird benutzt, um die Arbeiten Staecks zu verleumden. Dies bedeutet eine nachträgliche Verhöhnung der Opfer faschistischer Propaganda, die mit ihrer nationalistischen, rassistischen und antisemitischen Zielrichtung den Anfang des Weges in die Vernichtungslager markierte. Wer heute die Arbeiten Staecks auf eine Stufe mit faschistischer Propaganda stellt, dokumentiert, daß er aus der Geschichte des Faschismus nichts gelernt hat oder nichts lernen will. (...) Wir appellieren an Klaus Staeck, seine Arbeit unbeirrt fortzusetzen. Wir appellieren an die Demokraten in diesem Land, weiter die Arbeiten von Klaus Staeck auszustellen und zu verbreiten (...)

Öffentliche Erklärung, unterzeichnet von Heinrich Albertz, Heinrich Böll, Willy Brandt, Axel Eggebrecht, Iring Fetscher, Max Frisch, Günter Grass, Walter Jens, Eugen Kogon, Martin Walser.

Franco Basaglia

Der italienische Psychiater Franco Basaglia ist am Freitag voriger Woche im Alter von 56 Jahren in Venedig gestorben. Er hatte seit 1961 die psychiatrischen Kliniken in Görz, in Colorno (Parma) und zuletzt in Triest geleitet, wo er 1971 sein Konzept der Zurückführung des Patienten in seine Familie zu verwirklichen begann. In seinem Buch "Die negierte Institution oder Die Gemeinschaft der Ausgeschlossenen" hatte ihn, wie in seiner gesamten Arbeit, die Frage nach dem Nutzen und vor allem dem Schaden der Psychiatrie beschäftigt. Lange vor der Psychiatrie-Diskussion in Deutschland trug er dazu bei, daß Italien mit seiner Öffnung der Psychiatrischen Stationen, verordnet durch ein Gesetz im Jahr 1978, zum – umstrittenen – Modell und Vorbild möglicher Reformen wurde. Seine und seiner Mitarbeiter Kritik hatte vor allem der Anstaltspsychiatrie vorgehalten, den Patienten in einen Zustand von Apathie und Regression zu versetzen, der die ursprüngliche Krankheit überlagert – ein "Vernichtungs- und Deformationsprozeß", schrieb er. Die Institutionen nähmen sich selber wichtiger als den Patienten, den zu behandeln sie vorgäben. Psychiatrie war für ihn ein politischer Begriff: Sie habe lange genug dazu hergehalten, den seelisch Gestörten glauben zu machen, "daß jeder Akt der Auflehnung gegen die Wirklichkeit, in der er zu leben gezwungen ist, eine krankhafte Handlung sei".

Herz nimmt den Hut

Ostberlin ist nicht Wien – ein Opernintendantenwechsel beschäftigt dort nicht die ganze Nation. Kann es aber auch wohl kaum, da. weder über Gründe noch persönliche Konsequenzen der "Ablösung"; von Joachim Herz bislang allzu viele Details bekannt: wurden. Nichtsdestoweniger ist schon bemerkenswert, daß, wenn auf Joachim Herz am 1. Februar kommenden Jahres der als Manager (um das böse Wort Funktionär zu vermeiden) im DDR-Musikbetrieb wie als derzeitig stellvertretender DDR-Kulturminister sehr rührige Werner Rackwitz folgen wird, die künstlerische Abfolge der Felsenstein-Schule und damit der reinen Lehre vom Prinzip des realistischen Musiktheaters beendet sein wird. Daß Joachim Herz mit Gastverpflichtungen im westlichen wie sozialistischen Ausland zur Genüge seinen Regie-Terminkalender würde füllen können, hat er schon früher durchblicken lassen. Daß dem leicht und flink zu cholerischen Phasen sich steigernden Künstler Herz nicht alles auf das Konto der genialischen Außerordentlichkeit gerechnet würde, sondern manche Mißhelligkeit auch zu künstlerischen Abstrichen führte, mag man heute für überbetont halten. Daß aber einerseits die "Ring"-Regisseurin Ruth Berghaus an der Staatsoper Unter den Linden gefeuert wurde, andererseits der Berghaus-Nachfolger Harry Kupfer an dem Nachbar-Institut Chefregisseur werden soll, lädt zu einer Alternativ-Spekulation ein: Entweder wird die Jahrzehnte lange Rivalität zwischen Komischer und Lindenoper abgelöst durch eine vernünftige Kooperation mit klarer konzeptioneller Trennung – oder auch in der Ostberliner Kulturbürokratie hat für einen Moment die Linke nicht gewußt, was die Rechte tut.