Von Hellmut Becker

Seit der Revolution oder – wie die Chinesen sagen – seit der Befreiung im Jahre 1949 lösen einander in der Entwicklung des chinesischen Bildungswesens abwechselnd zwei Richtungen ab, nämlich die Durchsetzung einer Bildung für alle und die Hebung der Qualität von Bildung im Zusammenhang mit einer Auslese. In den ersten neun Jahren von 1949 bis 1957 ging es vor allem um die breite Ausdehnung von Bildung, insbesondere die Überwindung des Analphabetismus der breiten Masse, der Bevölkerung. Dann folgt 1958 die Politik des "Auf-zwei-Beinen-Gehens", das die Popularisierung der Bildung mit einer Anhebung des Niveaus zu verbinden versucht. Schließlich kommt es von 1961 bis 1965 zu einer politischen Entwicklung, in der man die Ausbildung qualifizierter Techniker in den Vordergrund stellt und dabei auch zu höchst selektiven pädagogischen Methoden zurückkehrt.

Gegen diese Politik der schulischen Auslese richtet sich vor allem die Kulturrevolution. Es ist natürlich möglich, im Rückblick die Kulturrevolution als einen Machtkampf zwischen Personen zu analysieren, beispielsweise zwischen Mao und dem soeben mit großem Aufwand vom Kindergarten bis in die Universitäten in zahllosen Wandphotos rehabilitierten, früheren Staatspräsidenten Liu. Aber es ist nicht zu übersehen, daß sowohl in ihrer Begründung als auch in ihrem zeitweiligen Erfolg eine deutliche Tendenz gegen ein Auslesesystem wirksam war, das praktisch die Kinder der Intellektuellen und der Kader, die Kinder der herrschenden Schichten, in hohem Maße begünstigte. Die Examen konnten vor allem diejenigen bestehen, die von Haus aus auf ein Bildungsmilieu vorbereitet waren und zu Hause Hilfen hatten, mit denen sie auch die Auslese erfolgreich durchlaufen konnten. Die Kulturrevolution richtete sich also gegen den klassenspezifischen Charakter des Auslesesystems der 60er Jahre; sie richtete sich auch gegen die überkommenen Methoden der Wiederholung und der Überbetonung des Schriftlichen und insbesondere gegen die große Tradition der Prüfungen. Darüber hinaus machte sie gegen Traditionen überhaupt Front bis hin zum Vandalismus der Zerstörung zahlreicher Kunstdenkmäler, die inzwischen unter großem Arbeitsaufwand wiederhergestellt werden.

Im Kindergarten beginnt es

Wie ist die Situation heute? Von den etwa 5 bis 6 Millionen jungen Chinesen, diejedes Jahr erfolgreich mit etwa 18 Jahren die Mittelschule abschließen, melden sich etwa 60 Prozent, das sind drei Millionen, zur Aufnahmeprüfung für die Hochschulen. Diese Prüfung wird zentral im ganzen Land an drei Tagen abgehalten; allerdings mit zwei unterschiedlichen Schwerpunkten: einem naturwissenschaftlichen und einem geisteswissenschaftlichen. Von den drei Millionen Bewerbern bestehen 300 000 die Prüfung, das sind zehn Prozent derer, die sich gemeldet haben, und fünf Prozent von all denen, die die Mittelschule erfolgreich abgeschlossen haben. Es bedarf kaum der Erklärung, wie groß das Heer der Studienmotivierten, aber nun durch das Scheitern im Examen Frustierten sein muß. Die Prüfung erfolgt ausschließlich schriftlich. Für die Auswahl der weiterführenden Hochschulen und Fachschulen ist der Unterschied in der Punktezahl entscheidend, weil die weiterführenden Hochschulen sehr unterschiedliche Qualitäten besitzen. Für die Zulassung sind die Charakterbeurteilung, das Gesundheitszeugnis und die Examensnote entscheidend. In den letzten Jahren seit Überwindung der Kulturrevolution gibt die Examensnote den Ausschlag. Auch die zur Entlastung eingerichtete Fernsehuniversität, die eine starke Resonanz gefunden hat, baut auf eigenen Zulassungsexamen auf. Sie vermittelt im übrigen – wie das ganze chinesische Erziehungswesen – Lehren als Verkündung und Lernen nicht als dialogischen Prozeß. Kein Student taucht auf dem Bildschirm auf.

Die gegen das System der Examen seinerzeit von der Kulturrevolution erhobenen Kritiken waren als Fragen richtig gestellt. Da sie sich aber mit der Zerstörung der Bildungseinrichtungen und darüber hinaus der Kulturgüter des Landes ebenso wie mit der Verfolgung der zur Vermittlung von Bildung fähigen Menschen verbunden hatten, erhielt die Kulturrevolution keine neue Antwort auf diese Fragen – Fragen, die zu dieser Zeit alle expandierenden Bildungssysteme der Welt beschäftigten – ‚ sondern es erfolgte die schlichte Wiedereinführung dessen, was man beseitigt und zerstört hatte, zum Teil sogar noch verschärft.

Da die ungelösten Fragen die gleichen bleiben, ist dieser Zustand langfristig nicht ungefährlich. Wird mit dieser Auslese der Chinese gebildet, der den immer neuen Anforderungen einer modernen Gesellschaft gewachsen ist? Man muß sich darüber klar sein, daß aus dieser Auswahl alle künftigen Lehrer hervorgehen. Daher wird der Geist dieser Auslese auch künftig den Unterricht bestimmen; die während der Kulturrevolution ohne solche Examen als Lehrer Ausgebildeten werden im Augenblick zur Verbesserung ihrer Kenntnisse an die Hochschulen zurückgeholt.