Einer, der seine Zeitgenossen recht gut beobachtete und charakterisierte, schrieb über ihn: "Umgang hab’ ich nicht viel mit ihm...; denn er ist der verschlossenste, hartnäckigste Schweiger, der mir noch vorgekommen. Keine Verlegenheit, keine Angst wirkt auf ihn; er wartet ab, was daraus werden möge, und schweigt. Redet er aber, so ist was er sagt, gediegen, klar, zweckmäßig und möglichst kurz; ohne alle Absicht und Ziererei ist es so, aus freier Natur heraus ... Und so ist der ganze Mensch. Seine Redlichkeit, Hochherzigkeit und Treue weist jeder, der ihn kennt, als unerschütterlich..."

Dies war richtig bis auf eines: In Wirklichkeit war er niemals ein guter Redner, und wenn er als Abgeordneter doch ab und an den Mund aufmachen mußte, dann hatte er – wie es in einer Darstellung über ihn und sein Werk heißt – "mit dem Ausdrucke zu ringen bis zu gelegentlichem Stammeln". Und weil seine Reden so absolut schwunglos und sachlich trocken waren, liefen manchmal sogar seine Freunde aus dem Plenarsaal. "Du bist und bleibst auch in Paris noch der alte trockene Vetter", hatte die 14jährige Schwester schon dem Mittzwanziger geschrieben, der sich dort nach seinem Studium der Rechte auf Grund eines Auslandsstipendiums weiterbilden wollte, "schreibst immer nur von Bibliotheken, Museen usw., Sachen, die mich ganz und gar nicht interessieren."

Auch seine Tagebücher sind so trocken. Sie bestehen nur aus Merkwörtern, ohne gedankliche Betrachtung; sie sind Gerüste für das Gedächtnis. Mit akribischer Ordnung und Pünktlichkeit verzeichnete er Tag für Tag sein Tun und Lassen, sogar sein Essen und Trinken, sein gesundheitliches Befinden und das Wetter.

Dieser nüchterne, verschlossene, schweigsame Mann, der eine Zeitlang im Justizministerium seines Landes arbeitete, dann Advokat wurde, später eine Universitätsprofessur erhielt (auf einem ganz anderen Wissenschaftsfeld), die er jedoch wieder abgab, als sie sich mit seiner politischen Arbeit nicht vereinbaren ließ, ist als einer der gemütvollsten Gedichteschreiber in die Literaturgeschichte eingegangen.

Seine Gedichte (und anderes Gereimte) schrieb er als noch junger Mann, veröffentlichte sie zunächst in Zeitschriften, dann in Buchform. Der erste Band blieb jahrelang so gut wie unverkauft lich, bis er (und ebenso ein dann folgender zweiter) schließlich Auflage nach Auflage erreichte weit über vierzig. Das Scherte dem Autor, der als Dreiunddreißigjähriger geheiratet hatte, einen gewissen Wohlstand, so daß er schließlich ‚als Privatgelehrter leben und sich ein sehr schön gelegenes Haus mit Garten kaufen könnte. Dabei hatte ein Größerer einmal über seine Gedichte geurteilt:

"Wo ich. große Wirkungen sehe, pflege ich auch große Ursachen vorauszusetzen, und bei der so sehr verbreiteten Popularität, die er genießt, muß also etwas Vorzügliches an ihm. sein ... Ich nahm den Band mit der besten Absicht zu Händen, allein ich stieß von vornherein gleich auf so viele schwache und trübselige Gedichte, daß mir das Weiterlesen verleidet wurde..." Er fand dann allerdings auch Besseres von ihm, was ihn zu der Uberzeugung brachte, "daß sein Ruhm einigen Grund hat".

Eines jener "trübseligen" Gedichte, später vertont und aus immer dem gleichen traurigen Anlaß wohl millionen und aber millionenmal gespielt, gesungen, geschluchzt, ist noch heute so bekannt, als wär’s ein Volkslied. Einen Vers daraus machte ein anderer, erfolgreicherer Dichter zum Buchtitel seiner Lebenserinnerungen, die ein Bestseller wurden und in denen er zwar das Gedicht nennt, nicht aber seinen Autor.