Die Süddeutsche Zeitung, von der wir uns diesmal mehr bajuwarische Deutlichkeit gewünscht hätten, war bei der Wiedergabe einer unvergleichlichen Geschichte über ein Nordlicht wirklich zu diskret. Wo wir doch . Namen, Titel und Oft der Handlung genau erfahren sollten, damit wir uns gründlicher mit dem Fall beschäftigen könnten. Es handelt sich um ein beamtetes, ein Ober-Nordlicht.

Ein Ostfriese, so der Sachverhalt, aus einem Gebiet, wo das Platt noch Vorrang vor dem Hochdeutschen hat, hatte Antrag auf einen, Führerschein gestellt, ohne zu ahnen, daß er, der nur Platt und nie Hochdeutsch spricht, unter einem schweren Handicap leidet. Sein Antrag wurde von der ungenannten Behörde abgelehnt. Kein Hochdeutsch – kein Führerschein. Mehr noch: Der Beamte ging, als der Betroffene Einspruch erhob, zum Angriff über und bestellte einen "Sachverständigen", einen Psychologen, der in der Lage sei, in den Dschungel der plattdeutschen Seele einzudringen und festzustellen, ob unserOstfriese seine Tassen alle im Schrank hätte oder nicht. Der Beamte glaubt offensichtlich, daß nur ein Hochdeutscher bei Verstand sei, ein Plattdeutscher nichts

Wir dürfen annehmen, daß er selber. Hochdeutsch spricht und an seinem eigenen Verstand nicht zweifelt. Wer nicht so spricht und denkt wie er, ist folglich in seinen Augen ein Vollidiot und gehört einem niederen Menschenschlag an, dem das liebste Spielzeug der Deutschen, das Auto, nicht anvertraut werden darf. Nur der hochdeutsche Autofahrer fährt umsichtig, die anderen sind dämlich. Wehe, wenn sie ans Steuer kommen!

Wehe aber auch uns, den Bürgern, ob hoch- oder plattdeutsch, wenn derartig neorassistische – Beamte in alle Ewigkeit den Amts-Stempelschwingen dürfen. Der "Übermut der Ämter" ist freilich schon längst ein Begriff geworden, aber selten hat man Gelegenheit gehabt, ihn an einem so plastisch klaren Fall zu studieren, und das in einer Zeit, wo das Platt als die große norddeutsche Sprache, von einsichtigen Geistern gepriesen und – aufs neue gepflegt wird.

In Hamburg zum Beispiel hörte – ich oft mit Wehmut eine alte Sitte erwähnt, daß wenigstens einmal im Jahr die hanseatische Bürgerschaft ihre Sitzung in plattdeutscher Rede und; Gegenrede abhielt und auf: "Missingsch", nämlich die Meißener Kanzleisprache, verzichtete, die Luther, der Schöpfer des Hochdeutschen, seiner Bibelübersetzung zugrunde gelegt. hatte. Die schöne hamburgische Sitte kam außer Gebrauch, noch ehe ein Beamter mit hochdeutschem Stolz die politischen Nordlichter- auf ihren Geisteszustand untersuchen lassen konnte.

Dafür kann man in den norddeutschen Kirchen, sogar auch im Rundfunk, plattdeutsche Predigten hören. Pastor, zu werden, ist einem Plattdeutschen erlaubt, Autofahren nicht.

Schließlich gibt uns der neue Meister amtlichen Übermutes Anlaß, darüber nachzudenken, was man mit erteilter oder verweigerter Fahrerlaubnis alles machen kann. Bin ich brav, und sage fein auf Hochdeutsch bitte und danke und sitze ich gerade bei Tisch und gebe den Damen das schöne Händchen, wieich auch das schöne’ Hochdeutsch spreche, so steckt der Beamte vielleicht die Führerscheinrute ein; und läßt mich Kavalier am Steuer sein. Amen.