Von Benjamin Henrichs

Zwei Stühle stehen auf der leeren Bühne, ein großer Stuhl und ein kleiner. Der große Stuhl genau in der Mitte der Bühne ist etwas zu hoch für einen erwachsenen Menschen: ein Thron. Der kleine Stuhl am Rand der Bühne ist etwas zu niedrig für einen erwachsenen Menschen: eine Strafbank. Auf dem großen Stuhl sitzt ein kahlköpfiger alter Mann im langen weißen Nachthemd; seine Füße reichen nicht ganz bis zum Boden, die Zehen wippen in der Luft. Der Weltverbesserer. Auf den kleinen Stuhl setzt sich manchmal, wie zur Andacht, wie zur Beichte, eine scheinbar untertänige alte Frau. Des Weltverbesserers Lebensgefährtin und Sklavin.

An der leeren grauen Wand des Zimmers hängt eine schwarze Uhr mit einem großen Perpendikel. Wenn das Stück anfängt, ist es fünf Uhr: der Weltverbesserer beginnt seinen Tag. Er ist hungrig: "Das Ei weich / die Sauce süß/süß die Sauce." Wenn das Stück aufhört, ist es kurz vor Mittag. Wieder hat der Weltverbesserer Hunger: "Meine Nudeln/Jetzt will ich die Nudeln essen."

Zwischen fünf Uhr und halb zwölf hat der Weltverbesserer unaufhörlich geredet, gezankt, kommandiert, und hat die Frau unermüdlich seine Befehle befolgt – wie jeden Tag. Aber genau um elf Uhr war doch etwas Un-Alltägliches passiert: Eine Abordnung der Universität war erschienen und hatte den Weltverbesserer zum Ehrendoktor gemacht, zum Dank für seinen Traktat zur Verbesserung der Welt, dessen einzige frohe Botschaft ist: "Wir können die Welt nur verbessern/wenn wir sie abschaffen."

Der graue halbrunde Raum hat zwei Öffnungen: eine niedrige Tür halbrechts, ein hohes Fenster halblinks. Draußen vor der Tür verrichtet die Frau die niederen weiblichen Dienste, kocht für den Weltverbesserer, putzt ihm die Kleider. Draußen vor dem Fenster sieht man ein Stück karge Natur: heller, grauer Himmel, graues Gestrüpp. Manchmal öffnet die Frau das Fenster; wenn sie sich streckt, kann sie gerade eben hinaussehen, ein paar Sekunden lang – bis der Weltverbesserer diesen Freiheitsmoment beendet. Ihm nämlich ist das Vogelgezwitscher, ihm ist die ganze Natur verhaßt.

Zwei Stühle, eine Wanduhr, eine Tür, ein Fenster, über dem Stuhl des Weltverbesserers eine kleine Blechlampe: Das ist die Bühne, die Karl-Ernst Herrmann für die Bochumer Uraufführung von Thomas Bernhards Komödie (?) "Der Weltverbesserer" erfunden hat, für den Regisseur Claus Peymann, für die Schauspieler Bernhard Minetti und Edith Heerdegen. Nichts Besonderes, diese Bühne. Kein Geheimnis, nur Geometrie. Und doch, je länger man hinschaut, ein magischer Raum. Eine Bühne für Thomas Bernhard: Das Unheimliche liegt in der Präzision.

"Der Weltverbesserer" ist, wie alle Theaterstücke Thomas Bernhards, auch ein Traktat über das Theater. Natürlich wiederholt und variiert auch dieses Stück alle Stücke, alle Themen Thomas Bernhards. Es wiederholt und variiert aber gleichzeitig das ganze Welttheater, wie zum letzten Male, als wolle es das Theater in seine letzte, endgültige Form bringen, mit dem Theater endlich fertig werden. Einen "Weltdenker" nennt man den Weltverbesserer. Ein Weltdenker ist auch Thomas Bernhard; er denkt die Welt zu Ende, er denkt sie zugrunde.