Der Jemen – es handelt sich in diesem Fall um den nichtkommunistischen Nordjemen – ist in der Tat noch immer ein Land wie aus Tausendundeiner Nacht. Da wird in dunklen, nach allen Spezereien des Orients riechenden Basaren gehökert, gemauschelt, gehandelt und getauscht. Da drängen sich verwitterte Gestalten, den Krummdolch im Gürtel, Patronenbänder über die Brust gekreuzt, die entsicherte Flinte über der Schulter, einen Turban verwegen auf dem Kopf, die Backe dick vom berauschenden Qat-Knäuel, Da huschen Frauen tiefverschleiert über die Gasse; allenfalls wechseln sie untereinander einmal ein Wort. Da türmen sich hohe Wohnburgen aus Lehm, mit malerischen, weißgeschlämmten Fensterumrahmungen, die an Stickereien erinnern – kleine Festungen eine jede in der Stadt und erst recht auf dem Land, wo die Scheichs und ihre Privatarmeen das Sagen haben. Die Faszination dieses fremden Landes, das Staunen darüber, daß es so. etwas noch heute auf dieser Erde gibt, dies alles spiegelt sich in den prächtigen Photographien von Maréchaux, Nur, seine Begeisterung geht allzu sehr auf das Schöne, Glatte. Wo sind die stinkenden, mülligen Slums, die verschreckten Augen der seit Jahrhunderten getretenen. Frauen, die selbst der Gesichtsschleier nicht immer verbergen kann? Auch das gehört zum Jemen. (Pascal Maréchaux: "Jemen – Bilder aus dem Weihrauchland"; DuMont, Köln, 1980;101 S., 81 farbige Abb., 58,–DM.) Gabriele Venzky