ARD, Sonntag, 14. September, 21.05 bis 23.00 Um: "Fleur Lafontaine", Fernsehfilm der DDR von Horst Seemann, nach dem Roman von Dinah Nelken

Weshalb die Glasscheibe, auf die ich zwei Stunden lang mit wachsendem Entsetzen gestarrt habe, Bild-"Schirm" heißt – nach diesem Fernsehfilm aus der DDR weiß ich es: Vor dieser Art von polit-ranzigem Schmalz, vor so viel Tränen einer klassenkämpferisch aufgemotzten Schnulze schützt nur ein Schirm.

Man liest den Namen der im Westen (Berlins) lebenden Schriftstellerin Dinah Nelken, die am 16. Mai dieses Jahres achtzig Jahre alt geworden ist, deren Bücher fast nur (jedenfalls zuerst) im (Ost-) Berliner Verlag der Nation erscheinen. Man liest auf der Besetzungsliste die Namen der besten Schauspieler der DDR: Angelica Domröse für die Titelrolle einer kleinbürgerlichen Berlinerin hugenottischer Abstammung, deren Leben vom Beginn des Jahrhunderts bis zum Kriegsende 1945 der Film skizziert. Ihre Mutter, die einem Puff am Ku’damm vorsteht, mimt Gisela May. Eberhard Esche ist der erste Mann dieser Fleur-Blume, geborene Schnedderich. Er ist, Monokel im Auge, Unternehmer und hemmungslos dem Spiel um Geld verfallen. Kein Wunder, wirft sich die Sumpfblüte Fleür bald in die Arme des Jugendfreundes aus Wiesbaden, den Hilmar Thate als unrasierter, weil proletarischer Papa Hesselbach hessisch daherbabbelt. Aber damit sind wir noch nicht am Ende: Jutta Hoffmann lacht und weint. Gerhard Bienert, ein im Westen zuwenig bekannter, wunderbarer Darsteller alter Männer, kann selbst in diesem Film, in dem er wenig mehr als seinen weißen Kunstspitzbart in den Bildschirm stechen darf, nicht vergessen machen, daß er nach wie vor einer der großen Schauspieler deutscher Sprache ist. Und dann sind da noch Käthe Reichel, Herwart Grosse, Fred Düren, Stefan Lisewski. Theaterherz, was willst du mehr?

Und wieder die traurige Erfahrung, wie rasch das Fernsehen, auch im östlichen Deutschland, so gute Voraussetzungen kaputtmachen kann: einen zwar konventionell gearbeiteten, aber ganz spannenden Roman, und schlimmer: gute, beste Schauspieler. Der Film hat schon jetzt historischen Wert: So eiskalt in Liebesglut schmelzend, in trockenen Tränen schwimmend wird man die Elite der Schauspieler aus der DDR nie wieder vor Augen bekommen.

Kein Klischee ist vermieden: vom wackeren Proleten über den (nazistisch) bösen Bankier, vom liebenswert schwächlichen Spieler über den auch vor einem Mord nicht zurückschreckenden Kapitalisten, von den Tango tanzenden Transvestiten und Cancan-Mädchen der zwanzigerjahre bis zu den Totschlägern des Röhm-Putsches – die ganze Statisterie der Jahre zwischen 1900 und 1945 ist versammelt. Daß in Zwei-Minuten-Sequenzen das Schicksal von Widerstandskämpfern in solchem Mischmasch verunglimpft wird, stört die Leute nicht, die diesen Streifen brav nach Art eines Unterhaltungsfilms der Ufa runternudeln.

Unerträglich: die Darbietung der Antifaschisten-Mär als großes, von Rückblenden unterbrochenes Gespräch mit einem Psychoanalytiker. Mal parlieren die beiden im Klinik-Kabuff, mal schiebt der Onkel Doktor seine Patientin im Rollstuhl durch den herbstlichen Park der Anstalt. Wenn die Fleur-Blume wieder blühen, die Glieder regen, ans Fenster stürzen und des mit Blümchen in der Hand im Park ihrer harrenden Geliebten aus der Arbeiterklasse ansichtig werden kann, erklingt – nach vielen tränentreibenden Weisen – der alte deutsche Liebes-Frühlings-Gruß: "Komm, lieber Mai, und mache die Bäume wieder grün..."

Gebrauchsanweisung: Bitte nach Ende der Vorstellung den Bildschirm von Tränenrückständen reinigen. Rolf Michaelis