Polizei faßte braune Bombenleger: Der „deutsche Chomeini“ hinter Gittern

Von Dietrich Strothmann

Erst kam ein Anruf. Nach dem Anschlag mit einer Stabbombe letzten Februar in Esslingen meldete sich eine Stimme am Telephon der Lokalzeitung: „Das waren die deutschen Aktionsgruppen.“ Niemand bei Polizei und Verfassungsschutz hatte von dieser Organisation vorher etwas gehört. Bei den Sicherheitsbehörden mußte ein neuer Aktenordner angelegt werden. Dann folgten, Schlag auf Schlag, in Esslingen, Hamburg, Zirndorf, Lörrach und wieder in Hamburg weitere Stabbomben-Attentate. Es war derselbe Täterkreis, dieselbe Zielgruppe: Rechtsextremisten terrorisierten Ausländer. Bei dem letzten Anschlag, gegen das Hamburger Ausländerwohnheim, kamen zwei Vietnamesen im Feuer der mörderischen Fanatiker um.

Sodann, im Monat Juli, erhielt die Polizei drei Briefe, unterschrieben mit „Deutsche Aktionsgruppen“. In dem einen wurden die Empfänger gewarnt, sonst „wirst auch du wie deine verräterischen Schützlinge bekämpft und beseitigt. Beispiele für tödliche Opfer hierfür nehmen jetzt bereits an Zahl zu“. In einem dieser „Offenen Briefe“ wurde Helmut Schmidt bedroht: „Glauben Sie ja nicht, endlos und ungestraft am deutschen Volk sündigen zu können. Die Zeichen sind gesetzt. Der Kampf hat begonnen. Seien Sie versichert, daß wir unseren Forderungen mit bestimmten Maßnahmen Nachdruck verleihen werden. Wir kommen spät, doch wir kommen.“ Stilvergleiche ergaben Ähnlichkeiten mit den „Freundesbriefen“, die der seit 1978 rechtskräftig verurteilte, doch ins Ausland geflüchtete Ex-Anwalt Manfred Roeder regelmäßig an seine Anhänger zu den von Roeders Frau geleiteten Treffen auf ihrem „Reichshof“ am Knüll bei Bad Hersfeld schrieb. Für die Fahnder war das der erste Hinweis auf die Tätergruppe.

Zuletzt war es ein aufmerksamer Bürger, der die Beamten von Polizei und Verfassungsschutz auf die richtige Spur brachte. Am 20. August, zwei Tage vor dem Mordanschlag im Hamburger Ausländerwohnheim, tauchten auf Hinweisschildern an den Autobahnauffahrten in Bad Hersfeld und in Thieshope, nahe der Hansestadt, gesprühte Parolen „Ausländer raus“ auf, wie auch später an der Haus wand der Asylantenunterkunft. Ein Fahrer beobachtete eine junge Frau bei der Schmieraktion, notierte sich das Bremerhavener Kennzeichen des neben ihr parkenden Wagens und gab seine Erkenntnisse der Polizei weiter. Der Name der Halterin wurde ermittelt: Sibylle Vorderbrügge, eine 24jährige Arzttochter aus Bremerhaven, die in Hamburg-Eppendorf als medizinisch-technische Assistentin gearbeitet hatte – zusammen mit ihrer Freundin, der 25jährigen Gabriele Colditz –, ehe sie sich vor einiger Zeit von ihren Eltern, mit der Bemerkung verabschiedet hatte, sie sei als Hausmädchen bei einer Arztfamilie in der Nähe Stuttgarts untergekommen.

Recherchen der Verfassungsschützer ergaben außerdem, daß der Wagen von Sibylle Vorderbrügge zuvor häufig bei Roeders „Reichshof“-Versammlungen gesehen worden war, an denen auch der Hals-Nasen-Ohren-Arzt Heinz Colditz aus Kirchheim-Teck teilnahm. Für die Beamten schlüsselte sich nun auch der Hinweis in einem der letzten Appell-Briefe des flüchtigen Knüllbewohners auf. Im März dieses Jahres hatte Roeder geschrieben: „Ein junges Mädchen, die das zum ersten Mal miterlebte, wollte gleich ihre bisherige Arbeit aufgeben und sich nur noch für den Freiheitskampf einsetzen; denn nun hätte sie gesehen, ‚wofür es sich zu leben lohnt’!“ Zu diesem Zeitpunkt war der gesuchte Kopf des Roeder-Rudels bereits wieder unerkannt in die Bundesrepublik zurückgekehrt und untergetaucht.

Letzte Woche war es dann soweit: Der gesuchte Wagen wurde in Hannoversch Münden entdeckt, die Insassen festgenommen. Es waren Manfred Roeder und seine, ihm vermutlich hörige Begleiterin Sibylle Vorderbrügge. Dann folgte eine Entdeckung der anderen: In Roeders gemieteter Wohnung, die dem inzwischen verstorbenen „Nazi-Müller“ (Jahrgang 1896) gehört und wo er sich mit dem Falschnamen „Richter“ einquartiert hatte, stieß die Polizei auf eine Bombenwerkstatt. Bei der Colditz-Tochter, die in Hamburg gelegentlich bei ihrem Verlobten, dem zwanzigjährigen Diplom-Ingenieur Klaus Peter Schulze Unterschlupf fand, entdeckten sie gleich säckeweise bereits couvertierte „Offene Briefe“ der „Aktionsgruppen“, dazu Sprühdosen mit den Farben Schwarz, Weiß und Rot.