Von Nina Grunenberg

München, im September

Hofberichterstatter haben es nicht leicht mit Franz Josef Strauß, So sehr er in Zahlen, Daten, Fakten und Dossiers schwelgen kann, so wenig ist er imstande, sich von dekorativen Nichtigkeiten beflügeln zu lassen. Der königlich-bayerische Schmelz, mit dem sein Vorgänger Alfons Goppel den Chronisten die Schreibmaschine ölte, stand ihm nie automatisch zu Gebote, schon gar nicht, seit er Kanzlerkandidat ist. Aber wie er am Morgen seines 65. Geburtstages vor dem Münchner Nationaltheater im Nieselregen stand, unausgeschlafen und in Börsengrau, um pflichtschuldig einem Ständchen der 10. Panzerdivision zu lauschen, da stimmte nur noch die Kulisse, aber der Darsteller paßte nicht mehr ins Theater: Das hätte jeder verdiente Rentner sein können; als Franz Josef, der Schreckliche, war er ein Bild für die Götter.

Dabei gab er sich Mühe. Während der vierstündigen Gratulationscour im Prinz-Carl-Palais, dem Repräsentationssitz des bayerischen Ministerpräsidenten, muß ihm das manchmal hart fangekommen Die Worte, die die Gratulanten fanden erinnerten mitunter an die guten Wünsche für eine Hochschwangere, bei der eine Sturzgeburt mit ungewissem Ausgang zu befürchten steht. Im Hofe wünschten ihm schon die Gebirgsschützen "eine gute Hand für die schwere Zeit". Die frommen Wünsche seines Kanzleichefs Keßler nahmen gar kein Ende: "Wir hoffen und wünschen", sprach er für die Mitarbeiter der Staatskanzlei, "daß wir Ihnen so hilfreich sein können, wie Sie es gern hätten." Was noch Devotion war, was schon Heuchelei – wer hätte das sagen wollen.

Als Sprecher des Kabinetts wünschte Justizminister Karl Hillermeier dem Geburtstagskind "trotzdem Muße: daß Sie gelegentlich noch mal einen Bock schießen – in Gottes freier Natur; daß Sie gelegentlich noch mal Zeit haben, in die Luft zu gehen – als sportlich begeisterter Ministerpräsident...". Das klang hintergründiger als es gemeint sein konnte.

Den Geschenken war anzumerken, daß sich die Geber Franz Josef Strauß’ ständige Betonung seiner humanistischen Bildung zu Herzen genommen hatten: Auf dem Geschenktisch türmten sich die Folianten und gelehrten Wälzer. Der Personalrat der Staatskanzlei empfahl sich mit einer dreibändigen Seneca-Ausgabe aus dem Antiquariat: "Wir haben gehört, daß Sie das lesen können."

Landtagspräsident Franz Heubl überreichte eine im 15. Jahrhundert geschriebene Geschichte Bayerns und skandierte dazu schelmisch: "Wir wünschen Dir die Zeit zum Lesen nicht." Anders Hans Filbinger, Ministerpräsident a. D. Das Buch, das er schenkte, wickelte er eigens aus, um den Titel weithin sichtbar zu schwenken: "Hans Filbinger, der Fall und die Fakten", herausgegeben von Bruno Heck. "Wir kämpfen unentwegt", versicherte er Franz Josef Strauß. Erich Kiesl, der CSU-Oberbürgermeister von München, stürmte mit einer Madonna in den weiß-goldenen Empfangsraum, "Du", hauchte er mit innigem Blick, "ich wünsch’ Dir Glück." Mindestens genauso viel Glück braucht er selber, wenn er seinem Parteichef am Tage nach der Wahl noch mit der gleichen Lockerheit unter die Augen treten will. Die Landeshauptstadt, vor vier Jahren von den Christlich Sozialen im Sturme den zerstrittenen Sozialdemokraten abgenommen, ist die einzige Bastion in Bayern, in der die CSU eine Schlappe befürchten muß. Prophylaktisch ist sie schon jetzt auf das Konto des nicht immer mit Geschick gesegneten Erich Kiesl abgebucht.