25 Jahre Deutsches Literaturarchiv in Marbach

Von Eberhard Lämmert

Vor fünfundzwanzig Jahren suchte der achtzigjährige Thomas Mann zwei Orte in Deutschland auf, um einen Autor zu ehren, den ein Anonymus schon bei seinem Tode im Jahre 1805 "den Mann der Nation" genannt hatte. Hier und dort trug der ausgebürgerte Thomas Mann dieselbe Rede vor: Sein "Versuch über Schiller" war das genaue Dokument der 1933 begonnenen und 1945 vollstreckten Teilung Deutschlands und seines fortdauernden Zusammenhalts als Sprach- und Kulturnation.

Die ostdeutsche Rede hielt er an Schillers Sterbeort, in Weimar. Dort war eine Gedenk- und Arbeitsstätte für die klassische deutsche Literatur bereits entstanden, seit die Großherzogin Sophie von Weimar 1885 den ihr vermachten Goethe-Nachlaß der neu gegründeten Goethe-Gesellschaft zu wissenschaftlicher Erschließung übergeben hatte. Schon bald nach ihrer Errichtung hat die DDR dem Weimarer Goethe- und Schillerarchiv alle Aufmerksamkeit angedeihen lassen.

Die westdeutsche Rede hielt Thomas Mann – nicht in Marbach, wo Schiller geboren war, sondern in Stuttgart. Einen Tag vor diesem 8. Mai 1955 hatte jedoch der Direktor der Stuttgarter Landesbibliothek Wilhelm Hoffmann, der damals und hernach fünfundzwanzig Jahre lang der Deutschen Schillergesellschaft vorstand, erstmals den Plan zur Gründung eines Deutschen Literaturarchivs in Marbach vorgestellt. In Marbach war schon zehn Jahre nach der Weimarer Gründung, und ebenfalls in Verbindung mit einem Schiller-Verein unter fürstlichem Mäzenatentum, ein Archiv und dann ein Museum entstanden, das neben Schiller bald Wieland, Schubart, Hölderlin und den schwäbischen Dichtern und Schriftstellern des 19. Jahrhunderts gewidmet war. Dieses Schiller-Nationalmuseum, in einer geglückten Symbiose von Klassizismus und Jugendstil hoch über dem Neckar erbaut, sollte in Zukunft seine Aufgabe überschreiten, das "Pantheon des schwäbischen Geistes" zu sein, für das Theodor Heuss 1927 im Reichstag geworben hatte und in das er nun Thomas Mann geleitete, um ein Zeichen zu setzen, das die junge Bundesrepublik nicht nur für schwäbische Autoren einer solchen Stätte bedurfte.

Brauchte sie ein deutsches Literaturarchiv? Auf welche Zukunft, hin und zu wessen Nutzen war es gedacht in einer Zeit, in der viele lebhaft bereit. waren, dem Nationalgedanken abzuschwören und andere unentwegt die gesamtdeutschen Hoffnungen nährten? War ein zweites Weimar erforderlich und überhaupt wünschbar?

Die Zusammenarbeit mit Weimar ist nie abgerissen; ihr wichtigstes Bindeglied ist nach wie vor die gemeinsame Arbeit an der Schiller-Nationalausgabe. Aber was Weimar nicht vermochte, konnte hier in einem unerwarteten Umfang geleistet werden: Verstreute Handschriften und ganze Nachlässe, rare Erstdrucke und ganze Bibliotheken, die von der DDR aus niemals hätten erworben werden können und zu deren Erwerb auch örtliche und regionale Sammelstätten der Bundesrepublik nicht imstande gewesen wären, haben hier ihren Bewahrungsort und ein Bearbeitungszentrum gefunden, von dem inzwischen Tausende von Nutzern und Hunderttausende von Besuchern ihren Gewinn haben: Die deutsche Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, vor allem auch die Schriften der Autoren, über die der Nationalsozialismus Tod oder Exil verhängte, haben hier einen Ort gefunden, der zur Wiederbegegnung mit ihnen einlädt.