Der Doktor legt das Stethoskop beiseite und bittet seine MT-Assistentin, ein Röhrchen mit Tabletten aus. dem Schrank zu holen. Zu seinem Patienten sagt nun der Arzt: "Ihr Blutdruck ist zu hoch, und das mit ihren Schwindelanfällen gefällt mir gar nicht. Dagegen müssen wir etwas tun." Das meint der-Kranke natürlich auch. "Hier habe ich", fährt der Doktor fort, während sich die Assistentin. im Sprechzimmer zu schaffen macht, "ein ganz. neues Präparat, das es noch nicht einmal in der Apotheke gibt. Es wurde speziell gegen soldie Schwindelanfälle entwickelt. Das wollen wir einmal bei Ihnen ausprobieren, nicht wahr?"

"Ja", sagt der Patient – und damit hat er vor einem Zeugen, der Assistentin, seine Einwilligung gegeben, an der Erprobung eines neuen Arzneimittels als Versuchsperson teilzunehmen. So hatte sich zwar der Gesetzgeber die Erfüllung des von ihm vor vier Jahren beschlossenen Arzneimittelgesetzes nicht vorgestellt. Doch dessen Bestimmungen, die Rechte und Pflichten bei der Medikamentenerprobung festlegen, ist Genüge getan.

Wir vertrauen der Wissenschaft nicht mehr blindlings, insbesondere, wenn sie im Auftrag einer Industrie betrieben wird. Folglich sind immer weniger Bürger bereit, für die Forschung ein Opfer zu bringen. Solche Bereitschaft aber ist vonnöten, wenn die Medizin wirksamer als bisher unsere Krankheiten bekämpfen und unsere Leiden lindern soll.

Die nach wie vor wirksamste Waffe dagegen sind Chemikalien, solche, die in den natürlichen Fabriken, den Pflanzen und Tieren. synthetisiert werden, und solche, die Laboranten zusammenbrauen. Von achttausend solcher Stoffe, die an Versuchstieren ausprobiert werden, erweist sich im Durchschnitt einer als möglicherweise heilwirksam, Der muß schließlich an Menschen ausprobiert werden, an Hunderten oder Tausenden von Gesunden und Kranken, ehe die Statistik erkennen läßt, ob das Präparat eine heilende oder lindernde Wirkung hat und ob seine unangenehmen, wenn nicht gar schädlichen Nebenwirkungen toleriert werden können.

Mithin kommen forschende Mediziner nicht umhin, Freiwillige unter ihren Patienten zu: rekrutieren, die sich für ein Experiment am eigenen Körper zur Verfügung stellen. Aber schon der Gedanke an "Menschenversuche" treibt uns den Schauder über den Rücken, und diese Furcht verbreitet sich mit jeder Nachricht über mißlungene oder gar leichtfertig betriebene Arzneimittelprüfungen immer mehr.

Also wird es immer schwerer, Probanden zufinden. Folglich nimmt die Versuchung Prüfärzte zu, das Arzneimittelgesetz, das ohnehin nicht zu den präzisesten gehört, so weit auszulegen, daß sie mit fürsorglichem Zuspruch ihre Patienten oder, – falls es sich um Versuche an Kindern handelt, auch das muß sein – deren Eltern in die Einwilligung zum Mitmachen hineintricksen. Das geschieht sicher jeden Tag; aber es geht ja auch. meistens gut,

Es geht so gut, daß, nur selten jemand auf. den Gedanken kommt, medizinische Zeitschrift ten daraufhin durchzublättern, wer wann wo neue Arzneimittel an Patienten ausprobiert hat, um dann zu recherchieren, wie gründlich den Betroffenen das klargemacht worden ist.