Von Dieter Buhl

Wird die Bundestagswahl im Fernsehen entschieden? Einschlägige Vermutungen grassieren schon so lange, wie der Wahlkampf frei Haus geliefert wird. Aber weder Hoffnungen noch Sorgen der Parteien haben sich je eindeutig belegen lassen. Um die politische Beeinflussung vom Bildschirm in exakten Prozentzahlen zu bemessen, reichen die Sonden der Meinungsforschung – Gott Gott sei – noch nicht aus. Dennoch: Es besteht kein Zweifel an der Macht des Fernsehens. Für seine Wirkung sprechen das Gesetz der größten (Zuschauer-) Zahl, die Eindringlichkeit des Mediums und, nicht zuletzt, der Eifer, mit dem sich die Politiker vor den Kameras drängeln.

Diesmal haben die Wahlkämpfer noch mehr Grund, sich ins Bild zu rücken. Rechnen sie sich nicht gerade gegenseitig die Sünden der Vergangenheit vor (wie jüngst in der Runde der Parteivorsitzenden), können sie mit milder Behandlung rechnen. Von wenigen Ausnahmen! abgesehen, galt für die bisherigen Wahlkampfsendungen offenbar die Devise: Bloß niemandem wehtun. Vornehme Zurückhaltung ist Trumpf. Zur bislang augenfälligsten Peinlichkeit im Programm führte die sanfte Tour bei der Bürgerbefragung des CSU-Vorsitzenden am vergangenen Donnerstag. Soviel Botmäßigkeit gegenüber einem Politiker, wie sie die ausgesiebten Bielefelder Wähler und der Moderator Reinhard Appel gegenüber Franz Josef Strauß bezeugten, haben deutsche Fernsehzuschauer bisher nicht ansehen müssen.

Das Staatsfernsehen läßt grüßen. Mehr Ergebenheit, als derzeit den Politikern im Fernsehen erwiesen wird, könnte auch in staatlich kontrollierten Sende-Anstalten nicht walten. Sollte die Eichamts-Mentalität der Parteizentralen – jedes Wort der Fernsehjournalisten auf die Goldwaage – die Bücklinge provozieren? Sind auch, die TV-Moderatoren in die politische Schweigespirale geraten, in der die Kommunikationsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann die Verunsicherten, Gebeutelten, Isolierten sieht?

Mehr Mut an den Mikrophonen täte wahrlich not. Solange die Journalisten in den Wahlsendungen die Parteihierarchien nicht unter Druck setzen, wenn sie Unkluges von sich geben und solange sie den Matadoren nicht ins Wort fallen, wenn sie weitschweifig werden, kurz: Wenn die Fragenden nicht bald die Samthandschuhe ausziehen, dann wird das Fernsehpublikum den Wahlkampf als Versöhnungsorgie erleben.

Schließlich bietet sich den Wählern trotz der einschläfernden Wahlkampagne eine klare Alternative. Sie wird nur kaum sichtbar. Dabei geht es um mehr als nur um die Entscheidung zwischen Helmut Schmidt oder Franz Josef Strauß. Es steht mehr zur Wahl als deren überscharf konturierte Erscheinungsbilder. Doch, das blieb in diesem Wahlkampf der Unverbindlichkeiten weitgehend verborgen. Schuld daran tragen auch die Medien,-und zwar alle. Aber wie und wo könnten die Politiker besser gezwungen werden, unmißverständlich zur Sache; zu sprechen, Ziele- und Zahlen zu nennen, unter Druck Haltung zu beweisen, als live vor Millionen Zeugen?

Gefragt ist keine Abendschule der Nation, in der mit erhobenem Zeigefinger Kathederweisheiten gelehrt werden. Gebraucht wird ein Forum für den Hausgebrauch, Entscheidungshilfe für den Bürger. An Interesse mangelt es nicht. Da schon das Ärgernis von Bielefeld – die ungetrübte Selbstdarstellung. des CSU-Vorsitzenden – eine Sehbeteiligung von 21 Prozent, erreichte: Um wieviel attraktiver – wäre dann wohl eine echte Herausforderung des Kanzlerkandidaten der Union gewesen?