Sartres Autobiographie teilt ihren Doppelcharakter mit allen Büchern dieses Genres: schonungslos, schonend, unumwunden ehrlich und unverhohlen eitel. Gewiß ist in allen Schreiben ein Stück confessio eingepuppt, und bei Jean Paul Sartre allemal – ob in seinen Romanen oder Stücken oder den großen Studien über Genet und Flaubert. Seine wie diese Riesenessays unvollendet gebliebenen "Memoiren" verzichten jedoch auf diesen Gattungsbegriff, sind auch nicht die Nacherzählung etwa eines abenteuerlichen Lebens. Keine Lebensbeichte also, kein Lebensbericht – vielmehr eine intensive Untersuchung über: Literatur; denn Sartres Studie ist eine Untersuchung über die Not und die Wollust des Schreibens, über den Hochmut und die Verfallenheit des Schriftstellers. Sie heißen nicht "Ma Vie", sondern "Les Mots". Wenn hier einer je verführt wurde, sein Leben lang, dann von den Wörtern.

"Mein Liebchen wird Schriftsteller werden", dieser bigotte Jubelruf einer jungen Mutter steht am Beginn einer Autorenkarriere ohne Beispiel; einer Wortsucht und Literaturgefräßigkeit, die nicht zufällig an Chateaubriands Satz erinnert: "Ich weiß sehr gut, daß ich nur eine Maschine zum Büchermachen bin." Tatsächlich als rettende Variante einer bewußt empfundenen Lebensuntüchtigkeit, beschließt der junge Sartre, flüchtig produziertes Kind eines Verwandten von Albert Schweitzer, vaterlos aufgewachsen und früh die "Dichtigkeit der Welt" nicht in den Dingen, sondern in ihrem Abbild erfassend, Schriftsteller zu werden.

Er beschließt es. Ein Willensakt. Ein Lebensziel als Gegenentwurf, "ich bin kein Chef und begehre auch nicht, einer zu werden... weil ich eben nicht von der Machtkrätze befallen bin". Und zu demselben absurd frühen Zeitpunkt, noch vor Schulbeginn, erkennt der Junge, daß ein Element von Hochstapelei dabei ist, eine Mischung von Größenwahn und moralischer Indifferenz. Die Geschichte, daß Kaiser Karl V. sich nach Tizians Pinsel gebückt habe, hörte er oft und glaubte es gern; "Fürsten sind dazu da".

Doch die eigene Tugendhaftigkeit ist Schauspielerei, die Rolle gefällt ihm – und sie ist im übrigen leichter zu spielen als das Böse. Lieber, träumt man sich fort und in etwas – jemanden – anderes hinein, als die Mühsal des Widerstandes auf sich zu nehmen: "Gute Freundinnen sagten meiner Mutter, ich sei traurig, man habe mich beim Träumen ertappt. Meine Mutter schloß mich lachend in die Arme: ‚Du bist doch so heiter, du singst doch so gern! Worüber beklagst du dich denn? Du hast doch alles, was du willst.‘ Sie hatte recht. Ein verwöhntes Kind ist nicht traurig. Es langweilt sich königlich. Hündisch. Ich bin ein Hund: Ich gähne, bis ich spüre, wie mir die Tränen hinunterrollen. Ich bin ein Baum, der Wind hängt sich in meine Äste und schaukelt sie ein bißchen. Ich bin eine Fliege, ich klettere an einer Scheibe empor, ich purzele hinunter, ich klettere von neuem."

Selten ist das sonderbar Lügnerische von Literatur so kühl und genau beschrieben worden, ihre Schlupffunktion im Sinne des Schmetterlings, der der Raupe entschlüpft, aber auch im Sinne des Schlupflochs; also der Flucht. Es mag dieser Doppelcharakter von Kunst sein, der den Künstler in den Augen des "Normalbürgers" immer leicht verdächtig macht. Sartre erzählt, wie sein Großvater den stinkbesoffenen Verlaine aus einer Kneipe hatte torkeln sehen und wie das seine Verachtung aller Berufsschriftsteller gefestigt habe, jener lächerlichen Wundermänner, die stets vorgäben, einem für ein Goldstück den Mond zu zeigen, um schließlich für fünf Franken den Hintern zu zeigen. Das war die Einstellung der Erhabenheit, der Sartre eine hübsche Sottise entgegenhält: die Erhabenheit nämlich eines Mannes des 19. Jahrhunderts, der sich, wie viele andere Männer, Victor Hugo selbst nicht ausgeschlossen, für Victor Hugo hielt.

Sartre, zeitlebens, hielt sich nie für Sartre. Auf die Bescheidenheit und die Gleichgültigkeit gegen Ruhm, Geld, Ehren seines Freundes angesprochen, sagte einer seiner engsten Mitarbeiter noch kurz vor dem Tode des weltberühmten Philosophen: Sartre weiß nicht, daß er Sartre ist.

Dieser Satz enthält viel. Ist er gar eine Lebenssumme? Setzt er doch einmal voraus, daß da einer Sartre ist, es wissen könnte; daß die anderen es wissen – er es also für andere ist; daß er Wirkung hatte, anderer Menschen Leben beeinflußte. Und das, indem er nichts anderes tat, als ganz und gar sein eigenes Leben zu leben.