Kaltenkirchen

Kaltenkirchen, eine Kleinstadt in Schleswig-Holstein, wird dieser Tage mit ihrer Geschichte konfrontiert. Ein Bürger aus dem benachbarten Alveslohe, der Bibliothekar Gerhard Hoch, hat sich mit der Vergangenheit Kaltenkirchens während des Nationalsozialismus beschäftigt. Kurze Auszüge seiner Arbeit wurden schon veröffentlicht – so eine Dokumentation über das ehemalige KZ-Außenlager in Kaltenkirchen. Der Bibliothekar fand bisher Zustimmung und Unterstützung durch den Kreis Segeberg und die Stadt Kaltenkirchen. Er will nun sein vollständiges Manuskript mit dem Titel "Zwölf wiedergefundene Jahre – Kaltenkirchen unter dem Hakenkreuz" als Buch drucken lassen, ein Verleger ist schon gefunden, da gibt es plötzlich Krach.

Die drei CDU-Vertreter im Magistrat der Stadt Kaltenkirchen verweigern eine vorher in Aussicht gestellte finanzielle Unterstützung von 2000 Mark; Kultusministerium und Kreis steuern aber schon versprochene 5000 Mark erst dann bei, wenn der Magistrat sein Plazet gegeben hat. Zwei SPD-Politiker und der parteilose Bürgermeister Günther Fehrs, die das Projekt weiter unterstützen wollen, können bei dem Patt im Magistrat nichts ausrichten.

Fünf Jahre hat Gerhard Hoch für sein Buch recherchiert: Alte Zeitungen studiert, Dokumente aufgespürt, Alteingesessene befragt, Quellen im In- und Ausland gesichtet und ehemalige Haft-, linge des Konzentrationslagers gesprochen. Die Reaktion der Kaltenkirchener Bürger auf seine Fragen und Nachforschungen waren höchst unterschiedlich: Es gab Ablehnung und Empörung, vom "Schaden für das Ansehen unseres Landes" und "Nestbeschmutzung" war die Rede. Aber es gab auch starke Anteilnahme und Zustimmung. "Bei einigen hat mein Besuch eine Schutzschicht von 35, 40 Jahren durchstoßen. Da kam es herausgesprudelt wie Magma", sagt Gerhard Hoch.

Es war nicht schmeichelhaft, was da über Kaltenkirchens braune Vergangenheit zutage gefördert wurde. "Zwölf Jahre Gewaltherrschaft waren kein Betriebsunfall der deutschen Geschichte", hatte Bürgermeister Fehrs 1978 bei der Einweihung einer Gedenkstätte bei Kaltenkirchen gesagt. Hoch kann dies präzisieren.

Zur Vergangenheit Kaltenkirchens gehören SA-Terror und Massenmord ebenso wie die trübe Rolle der evangelischen Kirche, mit der sich der studierte Theologe Hoch besonders intensiv beschäftigt hat. Aber auch die Geschichte couragierter Widerstandskämpfer und Beispiele mutiger Hilfsbereitschaft hat der Bibliothekar ausgegraben. Keine Frage ist für Gerhard Hoch, daß die Kaltenkirchener Bürger – mit wenigen Ausnahmen – vom nahe gelegenen KZ gewußt haben, in dem vor allem sowjetische Kriegsgefangene und Widerstandskämpfer aus Belgien, Frankreich und Holland inhaftiert waren: "Abgesehen davon, daß die Häftlingstransporte sich bei Tage durch Kaltenkirchen bewegten, sah man auch täglich die Kolonnen auf der Reichsstraße zur Arbeit gehen."

"Kaltenkirchen, das war das III. Reich en miniature", sagt Gerhard Hoch, und das werden viele Kaltenkirchener Bürger nicht gern hören. Die CDU auch nicht, vermutet Hoch, aus Angst um Wählerstimmen. Auf jeden Fall konnten sich die örtlichen Christdemokraten bisher nicht zu einer öffentlichen Begründung ihrer ablehnenden Haltung durchringen. "Wir sollen doch nur den Verdienst des Autors subventionieren", ist die persönliche Meinung des CDU-Parteivorsitzenden Hartmut Pollack – und außerdem: "Die Stadt Kaltenkirchen hat doch mit dem, was damals passiert ist, überhaupt nichts mehr zu tun."