Lugano

Auf seinen langen, einsamen Spaziergängen am Ufer des Luganer Sees träumt Jürgen Thorwald. Er träumt vom neuen deutschen Kriminalroman. "Die Engländer haben ihre Agatha Christie, die Franzosen ihren Simenon", Sagt er versonnen und fügt ganz ohne Eitelkeit hinzu, er wolle eine Art deutscher Dashiell Hammett werden: "Vier oder fünf Stoffe habe ich schon fertig in meinem, Kopf."

Eine neue Karriere mitJahren? Der Anfang ist jedenfalls gemacht. Gerade ist "Der Mann auf dem Kliff" erschienen, Jürgen Thorwalds erster Krimi. Zum erstenmal hat er sich gestattet, seiner Phantasie und Fabulierlust freien Lauf zu lassen. Nicht etwa, weil er zuviel Zeit hätte, nein, "es geschah in einem Augenblick absoluter Verzweiflung. Bücher flogen, Vasen flogen", Jürgen Thorwald zeigt auf ein schönes, inzwischen kunstvoll zusammengeklebtes Stück alten chinesischen Porzellans, eines von vielen, die seine "Casa California" hoch über dem Luganer See schmucken.

"Der Roman entstand aus einer Revolte der Phantasie gegen einen nicht mehr erträglichen Berg von Tatsachen", erzählt Thorwald, und noch in der Erinnerung scheint es ihn zu grausen vor der Situation, in der er im Herbst vergangenen Jahres steckte. Er schrieb gerade am zweiten Teil seiner "Saga der Juden in Amerika", an einer hundertjährigen Geschichte der Frauenheilkunde, an einer Medizinerserie für das ZEITmagazin, Tausende von Quellen wollte er zusammenfügen zu einem dramatischen Ablauf von Geschichten und Geschichte. Monate, Jahre schon hat er gedacht, recherchiert, geordnet, Berge von Büchern, Stöße von Dokumenten und Interviews durchgearbeitet – wie immer besessen von dem Ehrgeiz, daß alles bis ins letzte Detail stimmt.

In seinem Kopf waren die Geschichten fertig, jetzt sollte endlich alles zu Papier gebracht werden, Doch Jürgen Thorwald ist nicht leicht mit sich zufrieden; was er in wochenlanger Arbeit von Sonnenaufgang bis tief in die Nacht hinein schrieb, war lange nicht die endgültige Fassung-Er schrieb um, er schrieb neu. Sein Blutdruck stieg auf 180. seine eigenwillige Handschrift wurde ganz und gar unleserlich.

"Schreiben ist ein Gang durch die Hölle", bekennt Thorwald, der einer der erfolgreichsten deutschen Autoren ist, und dessen Bücher an die fünfzehn Millionen Mal in rund zwanzig Sprachen verkauft wurden. Gleich seine ersten Bücher waren Riesenerfolge. 1949: "Es begann an der Weichsel", 1950: "Das Ende an der Elbe" und zwei Jahre später: "Die Illusion". Es waren historische Reportagen, die von den Zeitgenossen verschlungen, von Kritikern und Historikern gleichermaßen gelobt wurden.

Es folgten "Das Jahrhundert der Chirurgen" und "Das Weltreich der Chirurgen", "Die Entlassung – das Ende des Chirurgen Ferdinand Sauerbruch", "Macht und Geheimnis der frühen Ärzte", "Das Jahrhundert der Detektive", "Die Stunde der Detektive" und schließlich 1970 "Die Patienten".