Von Ralf Dahrendorf

I.

Zum drittenmal innerhalb von kaum mehr als einem Jahrzehnt hat eine britische Regierung ein Gesetz zur Beschränkung der Gewerkschaftsmacht durch das Parlament gebracht. Harold Wilson und Edward Heath sind mit ihren Versuchen gescheitert; die Gesetze wurden nie effektiv, und die jeweiligen Nachfolgeregierungen haben sie aufgehoben. Frau Thatchers Gewerkschaftsgesetz ist denn auch vergleichsweise harmlos ausgefallen; Hinterbänkler auf der konservativen Rechten sind mit ihm höchst unzufrieden. Dennoch spricht manches dafür, daß auch dieses Mal der Widerstand der Gewerkschaften die Realisierung des Gesetzes schwer machen wird. Die Beschränkung auf sechs Streikposten zum Beispiel dürfte sich kaum durchsetzen lassen.

Dabei kann Frau Thatcher sich – wie übrigens auch ihre Vorgänger – auf; die öffentliche Meinung berufen. Nicht nur haben viele Arbeiter konservativ gewählt, und das im vollen Bewußtsein der Haltung der Konservativen zu den Gewerkschaften, sondern wiederholte Meinungsumfragen zeigen, daß eine Mehrheit der Briten die Gewerkschaften für zu mächtig hält. Wie kann es sein, daß ein Gesetz, dem die Mehrheit zustimmen müßte, sich nicht durchsetzen läßt? Ist das wirklich nur die Macht der Funktionäre – oder steckt mehr dahinter?

Die Antwort auf diese Frage enthüllt einen eigentümlichen Sachverhalt, der übrigens keineswegs nur für Großbritannien gilt. Gewiß sind Gewerkschaftsfunktionäre die treibende Kraft hinter der Organisation des Widerstandes gegen Gesetze; aber sie finden doch weithin Unterstützung. Diese Unterstützung kommt zumindest teilweise von Leuten, die auf Befragen durchaus der Forderung nach einer Beschränkung der Gewerkschaftsmacht zustimmen. Die für moderne Gesellschaften kennzeichnende Tatsache ist nämlich, daß dieselben Menschen in der Lage sind, einerseits einer Beschreibung der Macht der Organisationen das Wort zu reden, sich andererseits aber durch eben diese Organisationen vertreten zu fühlen. Viele Menschen wollen starke Gewerkschaften, und sie wollen zugleich die Macht der Gewerkschaften begrenzt sehen. Soziale Interessenlagen sind nicht mehr einfach und einschichtig, sondern aufgesplittert bis hin zum Widerspruch.

II.

Ein zweites Beispiel mag diesen Sachverhalt noch deutlicher machen. Vor einigen Jahren entdeckte die CDU die "neue soziale Frage". Heute ist weniger davon die Rede, was wohl auch daran liegt, daß die Entdeckung mit eigentümlichen Unklarheiten belastet war. Die "neue soziale Frage" ist die der von der offiziellen Sozialpolitik Vernachlässigten. Aber wer sind sie? Gewiß lassen sich einige Gruppen nennen. Johano Strasser hat mit Recht darauf hingewiesen, daß hier die neomarxistische "Disparitätentheorie" (etwa von Claus Offe) ihren Platz hat, wonach die Widersprüche der modernen Gesellschaft auf Randgruppen abgedrängt worden sind, die in der Sozialpolitik nicht vorkommen. Das können Homosexuelle sein oder unverheiratete Mütter oder entlassene Strafgefangene oder andere mehr.