Von Carl-Christian Kaiser

Tausend Mandatsträger und Funktionäre hat die CDU/CSU Ende August zu Ehren und als Folie für ihren Kanzlerkandidaten in Mannheim zusammengetrommelt. Aber diese Menge war wiederum nur ein kümmerliches Häuflein im Vergleich zu dem sozialdemokratischen Deutschlandtreffen in Dortmund: Da kamen 100 000 Besucher, versammelt nicht nur zu politischen Zwecken, sondern auch zu Unterhaltung aller Art. Danach erst begann die heiße Phase des Wahlkampfs mit Kundgebungen ohne Zahl; keine der großen Parteien, die nicht mit bombastischen Angaben um sich würfe.

All das führt unmittelbar zum Kardinalpunkt der Philippika von

Roger-Gérard Schwartzenberg: "Politik als Showgeschäft. Moderne Strategien im Kampf um die Macht"; Econ Verlag, Düsseldorf und Wien 1980; 377 S., 38,– DM

Dem Buch des Pariser Professors, Jurist und Politologe, dazu Vizepräsident der französischen "Radikalen Linken" und Europa-Abgeordneter des sozialistischen Blocks, schließlich Mitherausgeber von Le Monde, geht ein großer Ruf voraus. Als sein Buch vor drei Jahren in Frankreich erschien, führte es lange die Bestsellerlisten an. Ihm den gleichen Erfolg hierzulande zu prophezeien, möchte man freilich nicht wagen. Zwar ist seine Botschaft erschreckend. Aber durch viele Übertreibungen, vielleicht manchmal in gallischem Überschwang, führt sie sich oft selber ad absurdum. Und in lateinischer Klarheit fehlt es ihr hin und wieder auch.

Schwarzenbergs zentrale These läßt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen: Die Politik ist zum bloßen Schauspiel verkommen, die Politiker sind zu Entertainern denaturiert, zudem gesteuert und zurechtgeschminkt von den Profis des politischen Showbusiness; nicht länger bedeutet Politik einen Wettbewerb der Ideen und Taten, sondern nur noch einen Schaukampf zwischen strohmännerartigen Personen; als Konsequenz droht der Demokratie und Volkssouveränität die Selbstentmündigung. Oder ganz kurz: Politik – alles Theater. –

Natürlich, wer kennt das nicht, zumal in Wahlkampfzeiten: Die Luftballons mit den Parteiemblemen, die strahlend entblößten Gebisse auf den Plakaten, die schöne heile Welt in den Fernsehspots, die fanfarenumtosten Bäder in der Wählermenge oder umgekehrt die finsteren Katastrophengemälde, was den politischen Gegner betrifft. Aber überall nur Theater? Und keinerlei Konkurrenz der Ideen und Programme mehr? Wenn nicht für amerikanische Verhältnisse – auf die Schwartzenberg sich hauptsächlich stützt –, so wird man zumindest für die europäischen, wenigstens für die deutschen Sitten und Gebräuche nicht so schwarz-weiß malen können.