Von Ulrich Schiller

Washington, im September

Hat der Verteidigungsminister der Regierung Carter aus schierem Wahlkampfinteresse eines der bestgehüteten militärischen Geheimnisse an die Sowjets verraten? So ungeheuerlich die Frage auch klingt: Nichts weniger behauptet Ronald Reagan, der republikanische Präsidentschaftskandidat. Eine Riege pensionierter hoher Offiziere pflichtet ihm in höchster Erregung bei.

Am 22. August hatte Brown auf einer Pressekonferenz einen "wichtigen technologischen Fortschritt von größter militärischer Bedeutung" verkündet und bekanntgegeben, daß die Vereinigten Staaten mit Hilfe der sogenannten "Stealth"-Technologie in der Lage seien, Flügzeuge und Flugkörper zu bauen, die von keinem der bestehenden Luftverteidigungssysteme abgefangen werden können. Die Sowjetunion habe dergleichen nicht aufzuweisen; sie habe vielmehr über einhundert Milliarden Dollar inein Radar- und Luftabwehrsystem gesteckt, das von der "Stealth"-Technologie so gut wie unwirksam gemacht werde. Brown resümierte, dies ändere das militärische Kräfteverhältnis erheblich.

Diese amtliche Bestätigung vorangegangener Presseberichte ist inzwischen zu einem der heißesten Themen des amerikanischen Wahlkampfs geworden: Der republikanische Senator Baker will Präsident Carter mit allen verfassungsrechtlichen Mitteln zur Herausgabe der Unterlagen zwingen, die die internen Vorgänge der Pressekonferenz Browns enthüllen würden; im Kongreß spürt ein Untersuchungsausschuß der Frage nach, wie, und ob überhaupt, die Verordnung und Aufhebung militärischer Geheimhaltung gesetzlich geregelt ist; das Hauptquartier der strategischen Luftstreitkräfte (SAC) steht unter dem Eindruck, der "Zivilist" Brown habe Bedenken der Militärs zu wenig Beachtung geschenkt; Kommentatoren stellen zum Thema "Stealth" (das Oxford-Dictionary erläutert: "sich in einen Ort hinein- und wieder herausstehlen") die Frage, ob der leidenschaftliche Wahlkämpfer Jimmy Carter selbst vor der Manipulation mit der Sicherheit Amerikas nicht zurückschrecke.

Aber hat Brown den Sowjets wirklich Neues mitgeteilt? Die meisten Fachleute bezweifeln das. Warum mußte der Chef des Pentagon überhaupt bestätigend auf Presseberichte reagieren, anstatt sie mit dem auch sonst oft üblichen "no comment" zu bedenken? Solche Fragen wurden in teilweise heftiger Lautstärke gestellt, während Brown unter Eid vor einem Untersuchungsausschuß des Kongresses vernommen wurde. Der Verteidigungsminister argumentierte, nachdem kürzlich Einzelheiten über das streng geheime "Stealth"-Programm in die Presse durchgesickert waren, sei ihm keine Wahl geblieben, als die Existenz dieses Programms zu bestätigen, um damit die Flut von Spekulationen und weiteren Nachforschungen einzudämmen. Gleichzeitig hätte er damit eine neue "Feuerschutzwand" für die Geheimhaltung der technischen Details errichten wollen. Überzeugt hat diese Erklärung nicht.

Überlegungen, wie sich eigene Maschinen vor den gegnerischen Radarstationen verbergen lassen, sind so alt wie das Radar selbst. Seit vielen Jahren hat auch das Pentagon an Methoden gearbeitet, um die immer raffinierter werdenden Radarsysteme zu schlagen. Von gewissen Ergebnissen einer "Stealth"-Technik berichtete bereits 1976 eine amerikanische Fachzeitschrift. Aber die Meldung geriet offenbar in Vergessenheit – zur Beruhigung der Militärs. Nach der Amtsübernahme der Regierung Carter stießen der neue Verteidigungsminister Brown und seine Berater 1977 beim Durchforsten der Forschungs- und Entwicklungsprogramme des Pentagon auf ein Projekt, das ihnen revolutionär und vielversprechend erschien. Das Projekt sah den Bau von Fluggeräten vor, die in der Kombination völlig neuen aerodynamischen Konturen und der Verwendung strahlenabsorbierenden Materials für das Radarauge unsichtbar werden würden. Brown sicherte sofort die Finanzierungsgrundlagen, faßte den kleinen Kreis der Eingeweihten in einer Sondergruppe zusammen und befahl höchste Geheimhaltung.