Hannover

Einen ungewöhnlichen Schritt zur Lösung von Wohnungsproblemen hat die Stadt Hannover getan. Während in Frankfurt, Köln oder Freiburg der militante Protest gegen hohe Mieten und Abrißgenehmigungen für alte Wohnungen beinahe automatisch zu schweren Konfrontationen mit der Staatsgewalt geführt hat, bietet Hannover alte, leerstehende und später zum Abriß bestimmte Häuser jetzt bedürftigen Bevölkerungsgruppen als Leinobjekte auf Zeit an. Bewohner des ersten städtischen Leihhauses ist eine Gruppe jugendlicher Obdachloser, die zuvor während einer fast viermonatigen Hausbesetzung von sich reden gemacht hatte.

Über 3000 Hannoveraner sind als Wohnungssuchende registriert. Bis vor kurzem kamen täglich im Durchschnitt sieben Asylbewerber, aus aller Welt neu hinzu. Hunderte warten Freitagabends an den Bahnhofskiosken auf die noch druckfrischen Wochenendausgaben der Tageszeitungen, um als erste die Wohnungsangebote zu sichten. Doch trotz allem stehen allein in den städtischen Sanierungsvierteln mindestens 300 Wohnungen in Kommunalbesitz leer – viele davon bereits seit Jahren. Sie sollen über kurz oder lang dem städtebaulichen Modernisierungskonzept in Hannover weichen oder wenigstens von Grund auf saniert werden.

Ein Vorstoß der Stadt bei der Landesregierung, Hannover zum "Notstandsgebiet" für erhöhten Wohnbedarf zu erklären – und damit unter Hilfestellung des Sozialministeriums öffentlichen Einfluß auf die Entwicklung des privaten Wohnungsmarktes zu gewinnen – blieb erfolglos. In anderen Teilen Niedersachsens, beschied Minister Hermann Schnipkoweit die besorgten Stadtväter, sei die Lage mindestens ebenso bedenklich.

Also griff Hannovers Verwaltungschef Hinrich Lehmann-Grube zur Selbsthilfe. Er entwickelte gemeinsam mit dem Martinswerk – einem gemeinnützigen Verein zur Wohnraumbeschaffung – einen Modellvertrag mit sieben juristisch ausgeklügelten and dennoch verblüffend eindeutig formulierten Paragraphen:

  • Danach wird dem Verein, der-1974 von der evangelischen Studentengemeinde Hannover gegründet worden ist, städtischer Wohnraum zur Weitergabe an "sozial Bedürftige" geliehen – und nicht, wie in anderen Städten üblich, zu symbolischen Quadratmeterpreisen vermietet.
  • Beiden Vertragspartnern erwachsen keine finanziellen Verpflichtungen. Die Stadt trägt lediglich solche Kosten und Lasten, die sie schon zuvor für die Objekte in unbewohntem Zustand zu leisten hatte: Grundsteuern sowie Gebühren für Straßen- und Fußwegreinigung.
  • Das Martinswerk übernimmt den Wohnraum im "gegenwärtigen Zustand". Instandsetzungsarbeiten und Reparaturen vom Keller bis zum Dach sind somit Sache der künftigen Bewohner.
  • Der Leihvertrag gilt mindestens für ein Jahr bei viermonatiger Kündigungsfrist. Werden in den kommunalen Leihwohnungen allerdings Minderjährige ohne Zustimmung der Erziehungsberechtigten beherbergt oder gehen von dort "Gefahren oder unzumutbare Belästigungen für die Umwelt" aus, kann die Stadt fristlos kündigen.

Seitdem die Paragraphen unter Dach und Fach sind, klingelt bei Peter Voigt, dem Vorsitzenden des Martinwerks, pausenlos das Telephon. Studenten, Wohngruppen, ausländische Arbeitnehmer und Bewohner der städtischen Obdachlosenunterkünfte bitten um Wohnungsvermittlung. Doch in nächster Zeit werden allenfalls zwei weitere Kommunalhäuser dem Martinswerk zur Verfügung stehen.