Lebensgeschichten" heißt eine Ausstellung des Zentrums Industriekultur in Nürnberg, die Auskunft gibt über die soziale Wirklichkeit in den Jahren von 1850 bis 1950. In neun Kapiteln, die den Lebenslauf einzelner Personen nacherzählen oder, falls die erhaltenen Dokumente nicht ausreichen für ein individuelles Porträt, wenigstens eine kollektive Biographie aufzuzeichnen versuchen (das gilt für die Fabrikarbeiter im 19. Jahrhundert), werden Menschen vorgestellt, die stellvertretend für eine Klasse oder eine. Schicht gesellschaftliche Verhaltensweisen und Lebensformen sichtbar machen.

In diesem Querschnitt durch die Bevölkerung einer Stadt hat der Industrieherr der Gründerzeit ebenso seinen Platz wie die von ihm abhängigen Arbeiter; der Magistratsbeamte an der Spitze der städtischen Verwaltungshierarchie findet sich hier neben einem Dienstmädchen, und der unpolitische Angestellte, der dann zum Mitläufer wurde, neben dem engagierten Gewerkschaftler, der aktiven Widerstand leistete und ins KZ Dachau kam.

Hermann Glaser, Nürnbergs Kulturreferent, der mit dem Zentrum Industriekultur ein Lieblingsprojekt verwirklicht hat (Klaus-Jürgen Sembach, durch die Tätigkeit an der Münchner Neuen Sammlung mit dem Thema und seiner Darstellung vertraut, leitet das Unternehmen), schreibt im Vorwort zum Katalog, es gehe bei der "Sozialgeschichtsschreibung von unten" nicht um "klassenkämpferisch unterlegte Geschichtsbetrachtung", sondern um "vielfältig und vielseitig sich engagierende Parteinahme jenseits ideologischer Voreingenommenheit".

In der Tat ging es Wolfgang Ruppert, der die Idee für die Ausstellung hatte, vor allem darum, "vergangene Lebenswirklichkeiten zu rekonstruieren", und das heißt, zu zeigen, wie die Leute lebten. Zur Erkundung der Lebensumstände sind private Aufzeichnungen ganz nützlich und auch amtliche Protokolle ("Unsittliches Übernachten" des Verlobten bei seiner Braut wurde vor rund 100 Jahren mit 24 Stunden Arrest bestraft), anschaulich werden sie jedoch nur im Bild der Photographie, das die Gegenwart in der Vergangenheit aufbewahrt.

Noch im Jahr 1887 stellte ein Bericht "Zur Lage der arbeitenden Klasse in Bayern" fest: "Der Kapitalismus schafft die Massenarmuth, die ihn nothwendiger Weise begleitet durch die schlechte Ernährung, Behausung, Lebensführung... den richtigen Boden für das Gedeihen des Selbstmordes." Die Ausstellung zeigt nicht, wie die suizidfördernden Behausungen der Arbeiter ausgesehen haben, auf jeden Fall waren sie weder geräumig noch ausreichend möbliert (nicht selten teilten sich fünf oder sechs Personen in eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung) – wer also wollte diesen ungemütlichen Ort photographieren, an den man zum Schlafen zurückkehrte, dem man aber besser entfloh?

Das war natürlich ganz anders bei einem Mann wie Theodor Cramer-Klett, der sich vom aufklärerischen Bildungsbürger des Vormärz in einen nationalliberalen Besitzbürger verwandelt hatte und aus der kleinen Fabrik seines Schwiegervaters ein großes Industrieunternehmen machte. Der Blick in den Salon seiner italianisierenden Villa macht deutlich, daß dieser Raum mit historisierenden Möbeln, kostbaren Teppichen, Büsten, einem riesigen Lüster und einem Wald von Zimmerpflanzen nicht nur das passende Futteral war für einen Prinzipal, der aus der Arbeiterperspektive überlebensgroß erscheinen mußte, sondern fast ein Stück von ihm. In diesem Salon hatte der Fabrikbesitzer einen Auftritt, und dieser Salon hat ihn auch vertreten. Das dingliche Gehäuse repräsentierte die Person.

Aus dem Salon des Industriellen wurde in Gesellschaftsschichten mit hohem sozialen Prestige, das nicht auf Eigentum beruhte, sondern auf der ausgeübten Tätigkeit – bei Offizieren etwa oder bei höheren Beamten –, das Herrenzimmer. Rechtsrat Friedrich Theodor S., der Sohn eines Uhrmachers, der es zum Polizeipräsidenten in Nürnberg brachte, hatte 1893 reich geheiratet und lebte entsprechend vornehm möbliert (der Preis der Wohnungsausstattung entsprach, nebenbei bemerkt, dem fünffachen Jahreslohn eines Arbeiters). Die vielen Deckchen und Teppiche, die Vorhänge aus schwerem Stoff betonten das Anheimelnde, ja Beschützende der guten Stube, die elegante Lampe, der große Spiegel, das Zinn den anspruchsvollen Lebensstil.