Von Erika Martens

Das Gerücht hält sich hartnäckig: Es tut sich wieder einmal etwas zwischen dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG). Zwar will sich niemand der Beteiligten bereit finden, die Fama offiziell zu bestätigen. Insider aber wissen: Da ist was dran.

Immerhin gibt es bereits seit geraumer Zeit zarte Hinweise darauf, daß der Faden zwischen den beiden gewerkschaftlichen Konkurrenten gesponnen wird. So erklärte der DGB-Vorsitzende Heinz Oskar Vetter im Mai letzten Jahres in einem Interview: „Die Existenz einer unabhängigen DAG ist für mich immer ein historischer Irrtum gewesen, den ich stets bedauert habe.“ Und er meinte weiter: „In der DAG-Frage könnten sich die Spitzen durchaus einigen...“ DAG-Chef Hermann Brandt gilt seit langem als Befürworter einer engeren Kooperation mit dem DGB. Beide Männer möchten – so vermuten Kenner – vor dem Ende ihrer Amtszeit noch einmal versuchen, den „historischen Irrtum“ zu korrigieren.

Ein plausibles Interesse am Zusammenrücken der beiden Konkurrenten dürfte auch die SPD haben. Schließlich gibt es in der Partei zahlreiche prominente DAG-Mitglieder. Da kann es ihr nicht gleichgültig sein, in welche Richtung sich die DAG orientiert, wenn das SPD-Mitglied Hermann Brandt einmal nicht mehr die Zügel in der Hand hält.

Allerdings, in der SPD-Baracke in Bonn weiß man nichts von neueren Kontakten. Und vor der Bundestagswahl werde sich wohl auch nichts Konkretes tun, vermutet man dort. Daß aber zwischen den Spitzenvertretern beider Organisationen das Netz wieder einmal geknüpft wird, gilt auch in der Baracke als durchaus wahrscheinlich.

Solche Gerüchte über eine Annäherung der beiden Organisationen sind in der Tat bemerkenswert. Denn seit die Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) 1976 den Bruch mit der DAG beschloß, schien ein Zusammenschluß unerreichbarer denn je.

Zuvor allerdings hatte es solche Einigungsversuche mehrfach gegeben. Denn nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren die wieder erwachenden Gewerkschaftsgruppierungen entschlossen, künftig unter einem gemeinsamen Dach zu arbeiten. Doch bei der Absicht blieb es. Die Angestelltenverbände fanden sich im April 1949 in der DAG zusammen, die Industriegewerkschaften hoben im Oktober desselben Jahres ihre Dachorganisation, den DGB, aus der Taufe.

Trotzdem versuchten die Spitzenfunktionäre auf beiden Seiten immer wieder einmal, ihre Verbände zusammenzuführen. Sogar ÖTV-Chef Heinz Kluncker machte noch Anfang der siebziger Jahre den Vorschlag, „die DAG sinnvoll in die Gewerkschaften des DGB zu integrieren“. Doch seine Idee einer privaten Dienstleistungsgewerkschaft, deren Kern die DAG sein sollte, scheiterte am Widerstand einiger seiner Kollegen. Zudem stellte die Angestelltenorganisation verständlicherweise Bedingungen, der DGB jedoch, so klagte Hermann Brandt 1975, wollte „die Auflösung der DAG“. So war auch diesen Verhandlungen das Schicksal all ihrer Vorgänger beschieden: Sie blieben reine Sandkastenspiele.

Anlaß für die jüngsten Spekulationen gibt die Entwicklung der heute stärksten DAG-Konkurrenz, der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV), die dem Deutschen Gewerkschaftsbund angehört. Dieser „Nachkömmling“ unter den Einzelgewerkschaften des DGB – die HBV wurde erst 1949, nachdem die DAG selbständig blieb, gegründet – macht seinen Schwestern zunehmend Sorgen.

In der Tat, die „Nobel-Gewerkschaft“ – so der DGB-Jargon – ist seit geraumer Zeit ins Gerede gekommen. Allein in den letzten achtzehn Monaten sorgten drei spektakuläre Ereignisse für eine fragwürdie Publizität:

  • Im Frühjahr 1979 schieden auf einen Schlag sechs hauptamtliche HBV-Funktionäre aus und wechselten – mit einer Ausnahme – zur DAG, der großen Konkurrenz.
  • Im November 1979 beschlossen der 1. Vorsitzende Heinz Vietheer und zwei seiner... Vorstandskollegen überraschend, beim HBV-Kongreß, der in der nächsten Woche in Wiesbaden stattfindet, nicht mehr zu kandidieren. Zwei weitere Vorstandsmitglieder scheiden aus Altersgründen aus.
  • Im Juli dieses Jahres sorgte die Kündigung des Oldenburger Geschäftsführers Horst Albers für Schlagzeilen.

Alle drei Fälle standen direkt oder indirekt im Zusammenhang mit dem Gerücht, die HBV sei kommunistisch unterwandert. Die erste öffentliche Debatte hatte die Truppe um den früheren HBV-Sekretär Thomas Heyll in Gang gebracht. Sie begründete ihren spektakulären Auszug mit dem zunehmenden Linksdrall der HBV. Gegen solche Unterstellungen wehrt sich der Hauptvorstand jedoch mit Vehemenz. Er weist sie als „unverantwortliche Behauptungen einiger Wirrköpfe“ und als „gezielte politische Diffamierung und üble Verleumdung“ zurück. Er bestreitet zwar nicht, daß es Kommunisten in der HBV gibt, denn schließlich, so Günter Volkmar, der designierte 1. Vorsitzende, gehören zum HBV-Organisationsbereich nun einmal die Parteiverwaltungen und damit auch die Angestellten der DKP. Doch, so argumentierte auch Heinz Vietheer, „wie sollten 99,5 Prozent unserer Mitglieder sich unterwandert fühlen von 0,5 Prozent Kommunisten?“

Heyll jedoch bringt für seine These immer neue Beispiele. Seiner Meinung nach gibt schon heute „in einigen Geschäftsstellen die DKP den Ton an“ und auch in der Jugend- und Bildungsarbeit seien Anhänger der Stamokap-Politik aktiv, Leute, die intern mit dem Etikett „SPD/ML“ gekennzeichnet werden.

Dafür, daß auch Vietheer und seine beiden Vorstandskollegen Gisela Kiesau und Ulrich Pagelsdorff die Entwicklung bei. HBV nicht ohne Sorge verfolgten, spricht, daß bei dem ominösen „Ratinger Treffen“, von dem das ZDF-Magazin im November 1979 berichtete, dieses Thema immerhin eine wichtige Rolle gespielt hat. Und nicht wenige Gewerkschafter in der HBV und im DGB sehen zwischen diesem Vorgang und dem Ausscheiden der drei Vorstände einen Zusammenhang. Der „Fall Albers“ schließlich hat den Gerüchten: um die linken Tendenzen, bei HBV erst in jüngster Zeit wieder neue Nahrung gegeben. Albers habe, so heißt es in der Begründung seiner Kündigung, „seit längerem mit Gegnern der Gewerkschaft HBV und Repräsentanten einer Konkurrenzorganisation zum Nachteil seiner Gewerkschaft“ zusammengearbeitet. Der gefeuerte Funktionär jedoch sieht das ganz anders. „Wahr ist“, kontert er, „daß ich vom geschäftsführenden HBV-Vorstand gekündigt und suspendiert wurde, weil die Oldenburger HBV-Delegiertenkonferenz beschlossen hatte, die DKP-Mitgliedschaft mit der HBV-Mitgliedschaft für unvereinbar zu erklären.“

Vermutlich wird sich nie ganz klären lassen, welche Seite nun wirklich recht hat – ob Albers rausgeworfen wurde, weil er Kontakte zur DAG pflegte oder weil er den Antrag, die Kommunisten aus der HBV zu verbannen, mitgetragen hat. Immerhin aber scheint für den DGB-Vorsitzenden Heinz Oskar Vetter die Version der Oldenburger Kollegen plausibler. Ihre Argumente jedenfalls gab er in einer Dokumentation den Mitgliedern des DGB-Bundesvorstands zur Kenntnis. Und in dem beigelegten vertraulichen Brief spricht er davon, daß sich die Kündigung von Albers „mittlerweile zu einem öffentlichen Politikum entwickelt, das nicht nur die Gewerkschaft HBV, sondern auch den DGB und seine übrigen Gewerkschaften berührt und beschwert“.

Selbst die Intervention von Vietheer und Volkmar, die versuchten, Vetter bei einem Besuch an seinem Urlaubsort in der Schweiz von ihrer Sicht der Dinge zu überzeugen, änderte offenbar nichts. In einem zweiten Brief an seine Vorstandskollegen gab er zwar die schriftliche Stellungnahme der HBV weiter, erklärt jedoch zugleich, daß sich die zuvor übersandte Darstellung „weiter erhärtet hat“.

Spektakulärer noch als die Affären der HBV sind diese Briefe des DGB-Vorsitzenden. Eine solche „Einmischung in die inneren Angelegenheiten“ einer DGB-Gewerkschaft hat sich bisher eigentlich von selbst verboten, zumal Vetter nicht die Partei des Vorstands ergreift.

Kennern der HBV-Interna scheint das Verhalten des DGB-Vorsitzenden allerdings erklärbar. Denn ihm konnte nicht verborgen bleiben, daß Intrigen und persönliche Spannungen seit mindestens zwei Jahren eine vernünftige Arbeit in der Hauptverwaltung in Düsseldorf blockieren. Arbeiten mußte offenbar vor allem die interne Schiedsstelle, der Kontrollausschuß. Der stellte denn auch als Ergebnis seiner Beratungen schon am 11. Juli 1978 fest: „Mit großer Sorge beobachtet der Kontrollausschuß in jüngster Zeit sichtbar gewordene Entwicklungen innerhalb des GHV (geschäftsführenden Hauptvorstands) und in der Organisation, die allesamt geeignet sind, die notwendige Führungsstärke des Hauptvorstandes zu schwächen und der Organisation Schaden zuzufügen.“

Der Ausschuß mußte sich beispielsweise mit heftigen Auseinandersetzungen zwischen Pageisdorff und Volkmar befassen, mit „Störungen der Gewerkschaftsarbeit bei der Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) und mit Vorgängen in der Tarifauseinandersetzung der American Express Military Bank im Frühjahr 1979.

Bei guten Vorsätzen geblieben

Aber alle Versuche, die internen Streitereien beizulegen, blieben offenbar erfolglos. Schon im Juli 1978 erklärte der Geschäftsführende Hauptvorstand, es sei erforderlich, „gravierende Vorgänge der notwendigen Aufklärung zuzuführen“, und weiter: „Voraussetzung für eine gedeihliche Weiterentwicklung der Organisation ist eine positive Zusammenarbeit zwischen allen Organen. Der GHV wird durch ein positives Beispiel hierzu beitragen.“ Man stellte sogar eine Liste mit 18 Einzelpunkten von Fällen auf, die es zu klären galt.

Doch offenbar blieb es bei den guten Vorsätzen. Denn zumindest noch im November desselben Jahres stellten die ehrenamtlichen Mitglieder im Hauptvorstand fest, daß die Liste „nur als Ausfluß tieferliegender Divergenzen unter den Vertretern des GHV“ betrachtet werde. Und daß, „nachdem der GHV nach seiner Aussage nicht in der Lage oder willens war, zur heutigen Sitzung des Hauptvorstands die notwendige und geforderte Aufklärung strittiger Punkte herbeizuführen“, die Klärungen bis zum 31. Dezember schriftlich nachgeholt werden müßten.

Daß im HBV-Haus auch heute noch nicht alles zum besten steht, zeigt sich daran, daß derzeit mehrere Hauptamtliche aus der Düsseldorfer Zentrale nach einem neuen Job suchen.

Heinz Vietheer, so heißt es rückblickend bei vielen HBV-Kollegen, hat die Organisation im Stich gelassen. Und einer, der es wissen muß, erinnert sich, „Heinz hatte immer Migräne, wenn es brenzlig wurde“. Auch die gesundheitlichen Gründe, die offiziell für den Verzicht des 58jährigen auf eine weitere Kandidatur angegeben werden, hält manch einer für vorgeschoben. Er wurde aufgerieben durch den ständigen Krach und das gegenseitige Mißtrauen, glaubt man. Dennoch wird Vietheer zugute gehalten, daß während seiner fünfzehnjährigen Amtszeit die Entwicklung der Mitgliederzahlen eindeutig nach oben ging. Derzeit hat die HBV über 340 000 Mitglieder. Noch 1965 waren es knapp 130 000. Vetter soll einmal gesagt haben, Vietheer sei ein „Schönwettervorsitzender“, kolportiert man in der HBV. Mit dem schönen Wetter ist es aber nun seit geraumer Zeit vorbei.

Ob sich die Wolken am HBV-Himmel verziehen, wenn die Mannschaft von Günter Volkmar in der nächsten Woche gewählt wird, scheint vielen fraglich. Denn die Neuen haben nicht nur Freunde in ihrer Organisation. Bevor sich jedoch der DGB mit den Querelen der HBV näher befaßt, soll erst einmal der Gewerkschaftstag über die Bühne gehen.

Die für Anfang September vorgesehene Debatte im DGB-Bundesvorstand wurde auf einen Zeitpunkt nach dem Kongreß vertagt. Das Bild, das sich der DGB-Spitze dann von ihrem Sorgenkind bietet, wird sicherlich auch darüber entscheiden, wie intensiv man die Annäherung der DAG an den DGB weiterhin betreibt.