Von Karl-Heinz Wocker

London, im September

Man kann verstehen, daß er zögert, den Hut zu nehmen. Erst vor vier Wochen haben ihm Umfragen bestätigt, daß 52 von 100 Labour-Wählern ihn für den besten nächsten Premierminister Großbritanniens halten. Seit Margaret Thatcher regiert, hat James Callaghan nur einmal in einer Befragung schlechter abgeschnitten als sie. Und sein Auftritt beim Gewerkschaftskongreß in Brighton hat gezeigt, wie sehr die eigentlichen Stützen der Labour Party "Jim" zwar nicht für das Nonplusultra eines Parteichefs halten, aber ihn doch allem vorziehen, was bei den Risiken einer Nachfolgewahl plötzlich an die Spitze geraten könnte.

Die Wetten stehen hoch, daß Callaghan selbst sich seine Meinung noch nicht endgültig gebildet hat. Zwar drängen ihn gerade seine eigenen Freunde, sie endlich von der Ungewißheit zu erlösen. William Rodgers, einer der drei "gemäßigten Rebellen", die sich einer Machtübernahme der Parteilinken entgegenstellen wollen, hat am Rande des Trade-Union-Kongresses, der diesmal mehr denn je einer Vorparteitagslobby glich, dem Oppositionsführer zugerufen, die Sachentscheidungen innerhalb der Labour Party könnten nicht fallen, solange nicht feststehe, wer der künftige Chef sei. Callaghan denkt genau umgekehrt. Wie soll ein neuer Parteiführer erfolgreich operieren, wenn seine Erbschaft aus einem Chaos besteht?

Der Ex-Premierminister verfolgt dabei auch einen naheliegenden persönlichen Zweck. Die Wahlniederlage, die er im Mai 1979 erlitt – und man muß bedenken, gegen wen –, bliebe ein Trauma für den Rest seines Lebens, könnte er nicht wenigstens mit der Genugtuung auf das Altenteil gehen, eine einigermaßen funktionsfähige Partei hinterlassen zu haben. Geht beim Jahrestreffen von Blackpool Ende September alles schief für Callaghan, so bliebe ihm nur der Trost eines trotzigen Abgangs. Solche Gesten der Verachtung für die eigene undankbare Partei, der man ein gutes halbes Jahrhundert gedient hat, befriedigen selten über den Tag hinaus, an dem sie vorgenommen werden.

Callaghans Rücktritt schien seit dem Frühsommer immer näher zu rücken. Im Parteivorstand erlitt er eine Niederlage nach der anderen. Die linken Reformer hatten schon auf dem Parteitag von 1979 durchgesetzt, daß sich künftig vor Unterhauswahlen alle Labour-Abgeordneten neu als Kandidaten bewerben müssen. Man weiß, wer da in den Ortsverbänden nach langer Debatte um drei Uhr morgens früh aufgestellt wird, wenn die Frühaufsteher, also Arbeiter und Hausfrauen, längst ins Bett gegangen sind. Es drohte auch ein Sieg der Gruppe um Tony Benn auf den beiden anderen Streitfeldern: der Bestimmung des Parteivorsitzenden durch ein Wahlmännergremium (statt wie bisher durch die Unterhausfraktion) und der Festlegung des Wahlprogramms einzig durch den linksdominierten Parteivorstand, nicht länger in Zusammenarbeit von Parteivorstand und Kabinett (oder Schattenkabinett in den Tagen der Opposition).

Im Augenblick, nach dem Gewerkschaftskongreß, sieht manches anders aus. Einerseits dringen die Trade Unions zwar in das Machtvakuum der Labour Party ein. Finanziell werden deren Politiker immer stärker von den Überweisungen aus den Gewerkschaftsbeiträgen abhängig. Die wirtschaftspolitische Mitsprache der Trade Unions unter der nächsten Labourregierung wird um so weitreichender ausfallen, je frustrierender für sie die völlige Isolierung durch das gegenwärtige Kabinett Thatcher sein muß. Callaghan versprach ihnen, das Gewerkschaftsgesetz abzuschaffen, das die Konservativen im Sommer durchgedrückt haben.