Von Kurt Sontheimer

In der deutschen Politikwissenschaft sind die Talente, die ein differenziertes Problembewußtsein mit der Fähigkeit zur allgemeinverständlichen Darstellung zu verbinden wissen, dünn gesät. Unter ihnen gewinnt der 43jährige Kölner Politologe Peter Graf Kielmannsegg, ein früherer Mitarbeiter Eugen Kogons, mit jedem neuen Buch mehr Profil. Das jüngste scheint besonders geeignet, die bemerkenswerten geistigen, schriftstellerischen und pädagogischen Qualitäten dieses Autors kennenzulernen:

Peter Graf Kielmannsegg: "Nachdenken über Demokratie. Aufsätze aus einem unruhigen Jahrzehnt"; Klett-Cotta, Stuttgart 1980; 218 S., DM 18,–

Zwar handelt es sich "nur" um eine Aufsatzsammlung, doch werden zentrale Themen der politischen Auseinandersetzung aus den vergangenen Jahren behandelt: das Demokratieverständnis, die Frage nach der Idee des Fortschritts in der Politik, das Problem der Überforderung demokratischer Institutionen, die Frage der Vereinbarkeit von Demokratiegedanke und Leistungsprinzip sowie einige Versuche, die Bundesrepublik in den von Diskontinuitäten gekennzeichneten Gang der deutschen Geschichte einzuordnen.

Das ist alles höchst lesenswert, Ergebnis eines eindringenden und behutsamens Nachdenkens, das die Probleme klar zu identifizieren, in all ihren Aspekten zu entfalten versteht und am Ende mit einem bedenkenswerten Ergebnis der Analyse aufwartet, das sich aus der behutsamen, pädagogisch an menschlichen Stellen fast überanstrengt wirkenden Darstellungsweise plausibel herausschält.

Politisch wird man Kielmannsegg am ehesten einem aufgeklärten, liberalen Konservatismus zuordnen dürfen, denn es sind vor allem die im vergangenen Jahrzehnt dominierenden linken Positionen einer emanzipatorischen Demokratietheorie, die er sich kritisch vornimmt. Wenn er "Demokratie und Kapitalismus" durchaus als ein Thema gelten läßt, so ist ihm doch das Thema "Demokratie und Tugend" nicht minder wichtig, weil er überzeugt ist, daß eine humane Demokratie ohne gewisse moralische Bindungen nicht lebensfähig ist.

Es ist überhaupt kennzeichnend für diesen Autor, daß er allen einfachen und eindeutigen, allen auf ein Prinzip oder eine Theorie zurückführenden Erklärungen mißtraut. Darum entwickelt er ein besonderes Gespür für jene in der freiheitlichen Demokratie durchaus normale Situation, daß gegenläufige Prinzipien, die gleichwohl ihr relatives Recht haben, miteinander kollidieren und durch die Politik mit "moralischer Sensibilität und praktischer Vernunft" zugleich ausgeglichen werden müssen. Mit Recht stellt er diese Frage, worauf sich denn die Sicherheit der Erwartung gründet, damit die Prinzipien, deren wir bedürfen, um unser Zusammenleben befriedigend zu organisieren, ein harmonisches Ganzes bilden?

Kielmannsegg ist das Gegenteil eines Theorie-Dogmatikers. Die Aufgabe einer humanen Politik kann für ihn nicht darin bestehen, das Glück der Menschen zu verwirklichen, was letzten Endes den Zwang voraussetzt, sondern dem Unglück und dem Leid durch konkrete Maßnahmen zu wehren. Er mißtraut der politischen Vision, dem Modell einer perfekten Politik. Er setzt statt dessen auf die Verantwortung des Bürgers, auf seine Fähigkeit zu lernen. Er ist freilich skeptisch, ob wir in dem unruhigen Jahrzehnt, das hinter uns liegt, trotz einer fast uferlosen Theorie-Debatte genug dazugelernt haben. Darum dürfe man mit dem Nachdenken über die Demokratie nicht aufhören. Sein Buch ist ein wichtiger Beitrag dazu.