Die „Theaterwehr Brandheide“ ist eine freie Theatertruppe, die politisches Theater macht. Ihre erste Produktion, das Anti-Atom-Stück „Heiße Kartoffeln“, wurde 120mal in der Bundesrepublik und der Schweiz gespielt und zusammen mit einem Porträt der Gruppe auch vom ZDF ausgestrahlt. Die Truppe lebt, arbeitet und probt als Wohngemeinschaft in einem Bauernhaus in der Lüneburger Heide. Ihre Theaterstücke verstehen sich als Gruppenarbeit, in der jeder mitbestimmen und mit der sich jedes Gruppenmitglied identifizieren kann.

Die „Theaterwehr Brandheide“ ist ein typisches Beispiel für die Veränderung der Theaterlandschaft und damit des Arbeitsfeldes von Schauspielern in der Bundesrepublik. Nach einer kürzlich veröffentlichten Umfrage des Vermittlungsbüros für Freie Gruppen und Amateurtheater in Zusammenarbeit mit dem Jungen Forum Recklinghausen arbeiten neben den 134 mit öffentlichen Geldern subventionierten Staats-, Stadt- und Landestheatern, öffentlichen Festspiel- und Freilichtbühnen mittlerweile 230 freie Theatermacher und Gruppen in über 80 verschiedenen Orten. „Nicht nur in Berlin und München, sondern von Bremervörde bis Überlingen wird heute alternatives Theater gemacht“, so stellt Claudia Roth vom Vermittlungsbüro, Westring 8, 4750 Unna, Tel. (0 23 03) 212 46, fest. „Das Spektrum der hierbei angewandten Formen reicht vom politischen Kabarett über das Rocktheater bis hin zum Hanswurst- und Volkstheater. Allerdings ist auch die reine Zielgruppenarbeit oder die pädagogische Mitspielaktion zum Beispiel in Jugendzentren oder Volkshochschulen immer häufiger zu finden.“

Entsprechend unübersichtlich und vielschichtig ist auch die Ausbildung und das Einkommen der in diesem Bereich arbeitenden Schauspieler. Da diese Gruppen meist keine Subventionen erhalten, müssen sie von ihren Einspiel-Ergebnissen, Spenden und dem Verkauf von Plakaten und T-Shirts leben. Für den einzelnen Schauspieler bedeutet das oftmals ein unregelmäßiges Einkommen, das kaum über dem Existenzminimum liegt.

Doch Risiken muß in diesem Beruf auch derjenige tragen, der sich nicht einer freien Theatergruppe anschließt, sondern in ein Ensemble der etablierten staatlichen und privaten Bühnen strebt. Da ist zunächst die Ausbildung, für die es kein Patentrezept gibt. Nur jeder zehnte Bewerber besteht im Durchschnitt die Aufnahmeprüfung an einer der vierzehn Schauspielschulen im deutschsprachigen Raum. Abitur ist bei besonderer künstlerischer Eignung nicht Voraussetzung. Drei Tage dauert ein Aufnahmetest zum Beispiel an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Improvisation, Körperbeherrschung und Sprachbefähigung, aber auch Rollenarbeit und konzeptionelles Denken sind die Kriterien, nach denen hier ausgewählt wird. Heinz Schlage und Heinz W. Krückeberg, Professoren an der Hochschule in Hannover: „Unser Ziel ist es nicht, Nummernartisten oder lediglich nachschöpferische Künstler auszubilden. Wir brauchen den kritisch mitdenkenden Schauspieler, der auch in der Gruppe zu arbeiten versteht.“ Acht Semester dauert das Studium. Mit einem Prüfungssemester, das aus der Vorbereitung, Durchführung und Auswertung einer öffentlich aufgeführten Theaterproduktion der Schauspieler besteht, wird es abgeschlossen.

Aber dieser langwierig mühsame Weg ist nicht die einzige Möglichkeit, Schauspieler zu werden. Daneben gibt es noch eine ganze Reihe privater Schauspielschulen und Lehrer, die, gegen entsprechende Honorare versteht sich, fast jeden, der sich dazu berufen fühlt, zur Bühnenreife zu bringen versprechen. Nicht immer mit Erfolg; denn diese oft an der Schule eines einzigen Lehrers ausgerichteten Ausbildungen werden nach der Meinung vieler Intendanten den hohen Anforderungen an einem professionellen Theater nicht gerecht. Deshalb besteht die Möglichkeit, sich freiwillig vor Beginn einer Ausbildung der Eignungs-, später einer Zwischen- und Reifeprüfung des Deutschen Bühnenvereins und der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger zu unterziehen, die halbjährlich stattfinden. Eine paritätisch aus zwei Schauspielern, zwei Intendanten und einem Präsidenten zusammengesetzte Kommission stellt dabei fest, ob überhaupt eine Eignung zum Schauspielberuf gegeben ist oder ob der Ausbildungsstand ausreicht. Als Vorbereitung auf diese Prüfung ist die Einstudierung von drei verschiedenen Monologen oder Teilrollen aus Klassik, Moderne und einem anderen Gebiet nötig. Die Geschäftsstelle der Paritätischen Prüfungskommission, Feldbrunnenstraße 74, 2000 Hamburg 13, Tel. (0 40) 45 71 48, gibt auch eingehende Auskünfte über Bühnenberufe und entsprechende Ausbildungswege. Das von ihr ausgestellte Reifeprüfungszeugnis gilt als abgeschlossene Ausbildung im Sinne der Rentenversicherung.

Aber auch ohne jedes Studium oder Prüfung kann man Schauspieler werden. Denn für Naturtalente ist in einem künstlerischen Beruf, der sich in erster Linie mehr als Berufung denn als Broterwerb versteht, selbstverständlich immer Platz. Nur, was ist ein Naturtalent? Und wer stellt das letzten Endes fest? Wer sich diesem Risiko nicht aussetzen möchte, der sollte eine gründliche und geordnete Ausbildung als Schauspieler vorziehen.

Wie es nach deren Abschluß dann weitergeht, bleibt jedem selbst überlassen. An den etablierten Bühnen in der Bundesrepublik stehen dem Nachwuchs jährlich ungefähr 230 Vakanzen zur Verfügung. Nach den ersten Anfängerverträgen, bei denen eine festgelegte Mindestgage (zum Beispiel 1400 Mark bei der Landesbühne Hannover) eher eine Ausnahme als die Regel ist, folgen dann – vorausgesetzt, Photos und bisherige Rollen und erforderliches Vorsprechen beim Intendanten sind positiv – Fachverträge an verschiedenen Bühnen, die meist nur für eine Saison, selten aber über drei Jahre hinaus abgeschlossen werden. Nur wenigen gelingt danach der „Durchbruch“, der schließlich den ersehnten Ruhm und Spitzengagen am Theater oder bei Film und Fernsehen das große Geld einbringt.