Georg H. ist Mitte zwanzig, sein Haar trägt er gemäßigt lang. Er richtet sich gerade sein Zimmer in einer Wohngemeinschaft in Hamburg-Eimsbüttel ein. Die Bücher sind schon ausgepackt. Obenauf steht Tucholsky, auch Reprints von "Fackel" und "Weltbühne", mit Lesezetteln gespickt. Was er abfällig seine "großbürgerliche Sozialisation" nennt, ist unverkennbar: Er spricht mit zügiger Leichtigkeit und auch noch von seinen Zweifeln mit zugreifender Bestimmtheit.

Seinen Vater, einen reichen Hamburger Kaufmann mit klangvollem Namen in der Geschäftswelt, nennt er erzreaktionär; aber er spricht nicht gehässig von ihm. Nach dem Abitur mußte er auf Wunsch der Familie eine kaufmännische Lehre beginnen. Ein halbes Jahr später brach er sie schaudernd ab – mit "riesigem Krach zu Hause"; Er fing an zu studieren, was ihm mehr Spaß machte: Literatur. Es wurde ein langes Studium, ungeheizt von Geldsorgen. Er hat deswegen ein ziemlich schlechtes Gewissen: "Lange habe ich nichts gemacht als lesen, lesen, nichts Produktives. Manchmal hatte ich den masochistischen Wunsch, einen knackigen Achtstundentag zu erleben." In einem Verlag erlebt er ihn jetzt seit kurzem zum erstenmal. Aber noch betrachtet er seine Lebensumstände – Wohngemeinschaft, Wohnort, Arbeit – als durch und durch vorläufig.

Es freut ihn, daß er zu einer Zeit zu studieren anfing, "als an den Unis die Luft politisch noch nicht raus war"; er beteiligte sich an ideologiekritischen Arbeitsgruppen, versuchte das "Kapital" durchzuackern. Politisch organisiert hat er sich nie; dazu fühlte er sich damals wie heute zu individualistisch. "Wir waren skeptische Beobachter." Später kam er mit linken Rechtsanwälten zusammen, bekam den Prozeß gegen einen Terroristenanwalt aus der Nähe mit– das habe seinen politischen Horizont ziemlich erweitert. "Manche von diesen Leuten, die da als fast schon selber Terroristen und Verbrecher beschimpft wurden, haben doch gute Arbeit geleistet."

Und die Wahlen? "Bei der Willy-Wahl 1972 gehörte ich zu all denen, die emotional aufgeladen an die Wahlurne gelaufen sind, und das war ja damals auch in Ordnung." 1976 stimmte er für die SPD nur noch zähneknirschend – "da wußte ich eigentlich schön nicht mehr, warum". Bei der Hamburger Landeswahl 1978 wählte er die Bunten. "Aber dann hat mich geärgert, was der Kommunistische Bund mit denen gemacht hat, wie sie sich angehängt und aufgespalten haben, bis der ganze Verein kaputt war."

Dennoch, was ihm damals an den Bunten gefiel, leuchtet ihm an der ganzen Politik noch immer am meisten ein und macht, daß er heute den Grünen gar nicht abgeneigt wäre: daß sie ganz unten beim Regionalen und Lokalen ansetzen. Wäre das jetzt eine Kommunal- oder Landtagswahl, so bekämen heute die Grünen seine Stimme. "An ihnen hat mich begeistert, daß sie eben keine Partei sind, sondern ein dezentraler Verband, daß sie sich auf die regionalen Besonderheiten eingestellt haben, daß ihr Programm einmal, etwa in Baden-Württemberg, mehr ökologisch ist und in einem anderen Land, Bremen, weniger." Er verdenkt ihnen gerade den Schwenk in Richtung auf große Politik: "Daß sie eine Partei wie die anderen sein wollen, daß sie mit Macht in den Bundestag streben, daß sie zu jeder Frage unbedingt eine Meinung hervorbringen müssen, schön daß sie da in Saarbrücken überhaupt so einen großen Parteitag veranstaltet haben – das hat mich geärgert, und darum werde ich sie nicht wählen. Diese ganze Einmischung in die dusselige Machtfrage wird den Verein schnell kaputtmachen."

Die Grünen also nicht, alles rechts von der SPD sowieso nicht – immer wieder drehen sich Georg H.s Gedanken um die SPD. "Wenn, das Wahlergebnis auf der Kippe stünde, würde ich sie sofort wählen. Aber es ist sonnenklar, daß die CDU diesmal haushoch verliert." Da fühlt er sich von der Notwendigkeit befreit, mit seiner Stimme taktisch umzugehen; da kann er seinem Ärger über die SPD freien Lauf lassen.

"Mir fehlen ganz einfach die Gründe, die für sie sprächen. Dieser Staat ist in den letzten Jahren von der SPD gezeichnet und repräsentiert worden. Es sind dabei Dinge gelaufen, die ich ganz, ganz übel fand. Ich weiß von vielem nichts, und ich denke dabei vor allem an das, was ich näher mitbekommen habe: die Terroristenhatz, die Rechtsanwaltsverfolgung, das Kontaktsperregesetz, die Einsätze von Polizei und Grenzschutz gegen Demonstranten, diesen ganzen Komplex Innere Sicherheit."