Von Christian Schmidt-Häuer

Russische Leute dürfen nicht zusammen mit königlichen (polnischen) Leuten dienen wegen deren Arglist", so sorgte sich im 17. Jahrhundert ein Mitglied des Fürstengeschlechts Golizyn. "Verbringen sie einen Sommer im Dienst mit ihnen, so werden uns im folgenden Sommer nicht einmal die Hälfte von den besseren Leuten Rußlands bleiben."

Das gegenwärtige Verlangen der Sowjetunion nach Eindämmung der Arglist polnischer Arbeiter kommt fast ebenso unverhohlen in Breschnjews Glückwunschtelegramm an Warschaus neuen Parteichef Stanislaw Kania zum Ausdruck. "Die sowjetischen Kommunisten und die Werktätigen der Sowjetunion", heißt es da, "kennen Sie als zuverlässigen Verfechter der wahren Interessen und des Wohlergehens des Volkes; der Ideale des Kommunismus; der Stärkung der führenden Rolle der Polnischen Arbeiterpartei und der Konsolidierung der Positionen des Sozialismus in der Volksrepublik Polen. Sie kennen Sie auch als Mann, der auf der Grundlage des proletarischen Internationalismus und der unerschütterlichen Brüderlichkeit zwischen der Volksrepublik Polen, der Sowjetunion und den anderen Bruderstaaten steht."

Auf eine kurze Formel gebracht, heißt Moskaus Auftrag für Giereks Nachfolger: Demokratisierung und Arbeiterforderungen müssen dort gestoppt werden, wo sie das Monopol der Parteiherrschaft in Polen gefährden – weil sonst "nicht einmal die Hälfte von den besseren" Verbündeten noch lange unter dem Herrschaftsinstrument des Sowjetkommunismus verbliebe.

Der telegraphischen Anweisung aus dem Kreml Ist diametral entgegengesetzt, was die Warschauer Bürgerrechtler nun nach den Danziger Streik-Vereinbarungen fordern: Demokratisierung der ganzen Gesellschaft bis an die Grenzen, die Moskaus Panzer setzen – "diese Grenzen werden sich bewegen, in allen Ländern unter sowjetischer Herrschaft", so Jacek Kuron.

Zwischen diesen beiden extremen Verlangen Mehr seit dem Wochenende ein untersetzter, profilloser Mann mit militärisch kurzem Haarschnitt, massivem Schädel, breiten Schultern: der 53jährige Stanislaw Kania. Sohn eines südpolnischen Bauern, Zögling des Parteiapparats seit Kriegsende, Garant derStaatssicherheit seit fast zehn Jahren, soll er nun Sanierungsbeauftragter beider Seiten sein – mit entgegengesetzten Weisungen.

In den beiden vorangegangenen, großen Krisen, in denen das leidgeprüfte Volk gleichermaßen von der Untergangsstimmung des Finis poloniae und vom sendungsbewußten Patriotismus bewegt wurde, konnte die Partei einen Messias aufbieten. Nach dem Posener Aufstand von 1956 wurde Gomulka, Opfer des Stalinismus, zum Heros des nationalen, anti-russischen Enthusiasmus. Nach 1970, als die Arbeiterrevolten der Hafenstädte Gomulka stürzten, wurde Gierek zur Symbolfigur für Wohlstand mit West-Krediten und ohne Ost-Dogmen. Doch weder der doktrinäre Gomulka noch der joviale Gierek erfüllten die Konsum-Erwartungen; beide entfernten sich von den Massen, die ihnen einst zujubelten. Warschaus dritter Mann nun kennt von Beruf wegen die Massen – nur sie kennen ihn nicht, den bisherigen ZK-Sekretär für Sicherheit und Polizei. Polens dritte Und schwerste Krise fand keinen Messias mehr, sondern einen Machtwächter, der bisher im Schatten stand – Schirmpilz heißt Kania zu deutsch, ein Name, der Assoziationen auslöst.