Berlin: "Jakob Mattner – In der Mitte ist die Nacht". In der Mitte ist die Nacht, verkündet uns der Ausstellungstitel, wenn man nämlich, der Hohlwelt-Lehre folgend, das Universum als Kugel sich vorstellt, in deren Mitte die Tageszeiten ablaufen. Diese sind dann – nimmt man Tag und Nacht als verdichtete Materie – in Scheiben oder sonstige beliebige geometrische Körper zu schneiden. Das ist jedenfalls der Ausgangspunkt der neuen Arbeiten Jakob Mattners, die nach der Premiere im Westfälischen Kunstverein in Münster nun in Berlin gezeigt werden. Eine hübsche Idee also, die vornehmlich aus dem Paradoxon lebt, das Ungreifbare – Licht und Dunkelheit – greifbar zu machen, und der Mattner durch Zitate aus André Bretons "Nadja" weitere Poesie zu verleihen weiß. Allem, die Ausführung ist dann doch sehr an! das Greifbare dieser Welt und an Mattners im Augenblick offensichtlich recht begrenzte Gestaltungsfähigkeit gebunden. In vielerlei Form – zumeist als Kreissegment oder Diamant – fügt er Glas und schwärzlich bestrichene Stofflichkeit zusammen, mal jeden Stoff für sich, mal gemischt. Die Glasobjekte symbolisieren den Tag, Schwarz steht für die Nacht, grau Bestrichenes für Zwielicht. "Totes Licht" (was für eine herrliche Idee!) ist ein simpler schwarzer Stab, der in Sonnenstrahlenmanier durchs Glasdach fällt Das hat von allem etwas, von Yves Klein bis Minimal Art und der Glas-Kunst Larry Bells, und hat doch nichts ganz, das verspricht inhaltliche Tiefe und bietet im besten Fall oberflächliche Eleganz. Wahrscheinlich täte Mattner gut daran, für eine Weile die ganz großen Ideen aus den Augen zu verlieren und sich wieder den Grundlagen seiner Kunst zu widmen. (daad Galerie bis 28. September. Katalog 15 DM).

Ernst Busche

Bonn: "Hans Peter Reuter"

Sein auf der letzten "documenta" realisierter leuchtendblau gekachelter, gebogener Raum überraschte und irritierte den Besucher nicht zuletzt durch eine Grenze. Passierte man die Biegung des, ausgekühlten Raumes, stieß man auf eine Treppe, die in einen lichten Raum zu führen schien und den Betrachter an einen Übergang, eine Grenze brachte: Die reale Treppe wurde von einer gemalten fortgesetzt – den Zugang zum höher gelegenen Raum versperrte ein Bild. Mit irritierenden Übergängen zwischen Realität und Illusion, Verbindungen von Überschaubarem und Rätselhaftem, Feierlichkeit und Trivialität, Emotion und Sachlichkeit konfrontiert jetzt auch die bisher umfangreichste Einzelausstellung des 38jährigen Malers Hans Peter Reuter. Rund neunzig Ausstellungsstücke, Gemälde und Zeichnungen geben Aufschluß über die Entwicklung seines Werte: angefangen bei den Mitte der sechziger Jahre entstandenen figurativen Arbeiten mit ineinander verschlungenen Körpern, fallenden, stürzenden, gequetschten Figuren bis hin zu den menschenleeren Kachelbildern des letzten Jahrzehnts. Sehr schön sind die Übergänge zwischen den einzelnen Phasen nachzuvollziehen: etwa die Entwicklung der Figuren zu Landschaften und baumähnlichen "Dingern" (die in Bildtiteln meist als "Ding" bezeichnet werden). "Das Ding heißt eigentlich Dinger. Das ursprüngliche Wort kommt" – so Reuter –, "aus dem Karlsruher Dialekt und meint einen verschrobenen Menschen, der außerhalb der Norm steht." 1968 treffen die zuerst in der Umgebung von Bäumen und Wäldern angesiedelten "Dinger" zum erstenmal auf eine aus kachelgroßen Quadraten zusammengesetzte Mauer. In den folgenden Arbeiten wachsen die Kachelwände und bedrängen die verschrobenen Figuren nachdrücklich. Aus den danach gemalten antiseptischen Stadtbad- und Duschräumen, den glänzenden Badehallen mit spiegelnden Wänden, unzugänglichen Nischen und faszinierenden Lichteffekten sind die verschrobenen Figuren verbannt. Doch auch wenn sie menschenleer sind, erzählen sie doch von Menschen. Denn Hans Peter Reuters Bildräume: das sind Räume wie Menschen – einfach und kompliziert, unterkühlt und zugleich voller Emotionen. (Rheinisches Landesmuseum bis 26. Oktober, Katalog 20 Mark). Raimund Hoghe

Wichtige Ausstellungen:

Augsburg: "Die Welt im Umbruch – Augsburg zwischen Renaissance und Barock (Zeughaus und Rathaus bis 28. September, Katalog 25 Mark)

Berlin: "Bilder vom Menschen in der Kunst des Abendlandes" (Neue Nationalgalerie bis 28. September, Katalog 30 Mark)